Lexikon der Filmbegriffe

Stück: Formalismus

Das Stück ist nach dem Verständnis der formalistischen Ästhetik ein Materialfragment und wird durch die Empfindung des Materials autonom. Die Stücke verfremden die Einheit des Werkes und stellen ihr eine Ästhetik der heterogenen Materialfragmente entgegen. Parallel zum Erneuerungspotenzial der niederen Gattungen (Zirkus, Varieté, Nummernrevue), die sich durch Präsentation unverbundener Stücke auszeichnen, betrachtet Šklovskij die unmotivierte Aneinanderreihung von Stücken als konstitutiv für die Filmkunst. Selbst mit der Entlehnung des Sujets aus der Literatur bleibt im Film die Verknüpfung der Stücke schwach und löst sich im Umschnitt und in der Montage auf. Die aus ihrer Bindung an ein Werkganzes befreiten Stücke treten in syntaktische Beziehungen zueinander. Auch Tynjanovs Montagetheorie, in der das Einstellungsstück als syntagmatische Einheit fungiert, behält die doppelte Orientierung auf das Material als solches und auf dessen freie Anordnung bei. Das Stück steht in der doppelten Beziehung zur Photogénie als Materialgeräusch und zur Filmogénie als Ästhetik eines unmotivierten Nacheinanders in der Bewegung. 


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: WB


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