Lexikon der Filmbegriffe

Palimpsest

von griech. palin = zurück, psestos = geschabt

Ursprünglich ein Begriff aus der Handschriftenkunde, bezeichnet Palimpsest zuallererst ein wiederbeschriebenes oder überschriebenes Papyrus, dessen ursprünglicher Text technisch weitestgehend entfernt wurde und nur noch in Spuren und Fragmenten in und unter dem neuen Überschreibungstext sichtbar ist. Heute ist der Begriff meist metaphorisch gebraucht und bezeichnet einen Text, der „unter“ dem lesbaren Text einen zweiten, marginalisierten und weitgehend getilgten ersten Text enthält, der als Sub- oder Metatext des zweiten verstanden werden kann und ein geheimes Licht auf dessen Tiefenbedeutungen wirft. Gerade in der Filmkritik hat der Terminus in diesem Sinne weite Verbreitung gefunden. (1) Als Struktur der Analyse: Wird ein Film als Palimpsest gelesen, werden Bedeutungsschichten zugänglich, die gemeinhin unter seiner vielgestaltigen sicht- und hörbaren Oberfläche verschwinden; das bedeutet nicht, dass deshalb die ästhetische Qualität von Bild und Ton geleugnet würde, sondern impliziert einen mehrschichtigen Zugang zum Werk. Ein Beispiel ist David Leans Lawrence of Arabia (1962), der auf einer ersten Schicht als unterhaltsame und spannende Geschichte rezipiert werden kann, die in epischer Breite, unterstützt durch die Musik von Maurice Jarre, die Geschichte eines Engländers erzählt, der fast zu den Arabern konvertiert wäre. Er kann aber auch als verdeckte Geschichte einer Schwulenbiographie gelesen werden, die erst in der Berührung mit der Männergesellschaft der arabischen Beduinen zu einer problematischen Selbstfindung führte. Und er kann als kolonialismuskritische Auseinandersetzung mit einem Stück englischer Hegemonialpolitik aufgefasst werden, die zu den Teilungen und Verwerfungen führte, die den Nahen Osten bis heute zu einem politisch instabilen Raum gemacht haben; und heute würde er – vierzig Jahre nach der Uraufführung – zudem als arabienfreundliche Geschichte die Frage nach der politischen Korrektheit von Film und Erzählperspektive aufwerfen. In dieser Art lässt sich ein Film als Palimpsest in Bedeutungsstufen verschiedener Abstraktheit aufgliedern, so dass verschiedene Bedeutungsstufen erfasst werden können, die ihn mit seinen Zuschauern und seinem historischen Umfeld verbinden. (2) Als Annahme textueller Struktur: Ein Beispiel ist Robert Altmans Thieves Like Us (1974), in dem eine Fülle von fragmentierten Radiotexten eine Art zeitgenössischer Grundierung der eigentlichen Geschichte leisten, die die Handlung immer wieder parallelisieren mit oder kontrastieren von Standardgeschichten, die zur kulturellen Umwelt der Zeit des Films gehörten. So entsteht ein mehrschichtiger Text, der in einer Schicht nur noch aus zufällig scheinenden Resten entziffert werden kann.

Literatur: Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt: Suhrkamp 1993. Zuerst frz. 1982. – Uhlig, Claus: Palimpsest. In seinem: Theorie der Literaturgeschichte. Prinzipien und Paradigmen. Heidelberg: Winter 1982, S. 87-99.
 

Referenzen:

Camouflage

Subtext: Texttheorie


Artikel zuletzt geändert am 08.02.2012


Verfasser: HJW


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