Lexikon der Filmbegriffe

Syntagmatik (des Films)

Die sequentielle Gliederung des Films in einzelne Szenen, Montagesequenzen usw. spielt sowohl in den Prozessen der Produktion wie der Rezeption eine wichtige Rolle. In der Filmtheorie ist sie vor allem von Christan Metz zum Zentrum der Beschreibung erhoben worden und bildet bis heute einen wichtigen Ausgangspunkt für eine struktural orientierte Untersuchung des Films. Metz stellt den intuitiven Verfahren der Montage- und Sequenzanalyse, die eine Vielzahl heterogener Aspekte und Merkmale der Sequenzbildung erfassen, ein klassifikatorisches Verfahren entgegen, das mit einer begrenzten Zahl von Merkmalen eine begrenzte Zahl von Typen der sequentiellen Anordnung definiert. Metz nennt die Sequenztypen, die er in einer Baumstruktur anordnet, in Anlehnung an die linguistische Grammatiktheorie Syntagmen. In seinem 1968 zuerst erschienenen Aufsatz „Probleme der Denotation im Spielfilm“ unterscheidet er acht verschiedene syntagmatische Typen, eine Klassifikation, die bis heute diskutiert und in Analysen verwendet wird:


(1) Eine erste Frage ist, ob ein autonomes Segment aus einer oder aus mehreren Einstellungen besteht. Handelt es sich um eine autonome Einstellung und hat sie Sequenzcharakter, kann sie Plansequenz (bzw. Sequenzeinstellung) genannt werden; im anderen Falle handelt es sich um ein Insert – komparative oder subjektive Bilder, Detailaufnahmen und ähnliches.
(2) Im parallelen Syntagma wechseln zwei oder mehr voneinander unabhängige Serien von Einstellungen einander ab. Es besteht kein präzises zeitliches oder räumliches Verhältnis zwischen den Bildern, vielmehr wird oft ein symbolisch-thematischer Inhalt als „Vergleich“ in den Bildreihen ausgedrückt.
(3) Auch das Syntagma der zusammenfassenden Klammerung ist achronologisch. Darunter versteht Metz eine Serie von kurzen Szenen, die als typische Beispiele für eine bestimmte Realität angesehen werden und die einen thematischen, keinen temporalen Zusammenhang bilden. Ein Beispiel sind die erotischen Evokationen am Anfang von Godards Eine verheiratete Frau (Une Femme mariée, 1964), die durch Variationen und Wiederholungen eine globale Bedeutung wie ‚moderne Liebe‘ skizzieren.
(4) Alle anderen Syntagmen sind chronologisch. Im deskriptiven Syntagma stehen die in einer Folge dargestellten Motive im Verhältnis der Gleichzeitigkeit. Klassische Beispiele sind Landschafts- oder Wohnungsbeschreibungen (zuerst ein Baum / dann ein Ausschnitt dieses Baumes / dann ein kleiner Bach, der vorüberfließt / nun ein Hügel in der Ferne etc.).
(5) Das alternierte Syntagma (sonst meist: Parallelmontage, auch: Alternationsmontage) vermischt zwei verschiedene Ereignisreihen, die jeweils in sich eine konsekutive Folge bilden; die beiden Reihen dagegen werden als „gleichzeitig“ angesehen. Das klassische Beispiel ist die Verfolgungsjagd oder das Doppel von „heimlichem Tun“ und „möglicher Entdeckung“ – Einbrecher im Keller / die Wache schläft / der Tresor wir aufgeschweißt / der Wachmann macht seine Runde / der Tresor ist offen / der Wachmann hört ein Geräusch...
(6) Unter Szene versteht Metz ein kontinuierliches, narratives Segment, in dem keine oder keine nennenswerten Zeit- und Raumsprünge enthalten sind. Insbesondere Gesprächsszenen sind Szenen in diesem Sinne.
(7) Eine gewöhnliche Sequenz beruht auf der Einheit einer komplexen Handlung, überspringt aber alle für deren Fortgang irrelevanten Phasen und ist darum diskontinuierlich.
(8) Die Episodensequenz teilt diese Charakteristik, organisiert aber die Diskontinuität. Ein Beispiel für diese nicht sehr transparente Definition ist die berühmte „Frühstücksszene“ aus Citizen Kane (1941) von Orson Welles – sie zeigt in einer kontinuierlich wirkenden Bildfolge die beiden Ehepartner in Frühstücksszenen aus zwölf Jahren Ehe – wobei das Gespräch kontinuierlich fortzuschreiten scheint, allerdings von schnellen Rundschwenks unterbrochen ist.

Literatur: Colin, Michael: La grande syntagmatique revisitée. Trames: Nouveaux Actes Sémiotiques, Université de Limoges 1989. – Metz, Christian: Semiologie des Films. München: Fink 1972. – Möller, Karl-Dietmar: Filmsprache. Eine kritische Theoriegeschichte. Münster: MAkS Publikationen 1986.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück