Lexikon der Filmbegriffe

Stationendrama

auch: Stationenstück; engl.: stationary drama

Das Stationendrama wird meist dem epischen Theater zugerechnet, weil es auf die akteweise Entwicklung eines Konflikts auf einen Höhepunkt hin verzichtet, stattdessen Einzelszenen aneinanderreiht, die das soziale Milieu der Handlung beschreiben und exemplifizieren. Oft ist das narrativ dominierte Handlungskontinuum, in dem eine Szene die folgende anstößt, durch eine viel offenere, nicht kausal erforderliche Nebeneinanderstellung von Szenen ersetzt. Die Szenen erscheinen wie isolierte Perlen auf einer Kette, die erst insgesamt einen kaleidoskopischen Eindruck der Handlungswelt ergeben.
Das Stationendrama geht auf Spielformen des mittelalterlichen geistlichen Dramas zurück, in dem z.B. die wichtigsten Stationen aus der Leidensgeschichte Christi als simultane Darbietung auf mehreren Bühnen oder im unverbundenen Nacheinander von Szenen inszeniert wurden. Es wurde theatergeschichtlich erst mit den Dramen von Büchner, Strindberg oder Wedekind wieder aktualisiert, später dann in die Formen des epischen Theaters eingebunden. Das expressionistische Stationendrama konzentrierte sich auf die Figur des Helden (als „dramatisches Subjekt“), und die Szenen der Folge erscheinen ganz auf die zentrale Figur bezogen – alle Szenen kehren einzelne Charakterzüge oder Widersprüche in ihm heraus. Das (linke) epische Theater dagegen suchte vor allem das Milieu in der Reihung von Stationen greifbar zu machen.
Die episodale Bauweise beider Formen hat sich auch im Film niedergeschlagen. Dem dominierenden Sujet der Erzählung gehorchend, neigen melodramatische Formen eher der expressionistischen Zentrierung der Helden-Figur zu (De Wisselwachter, 1986, Jos Stelling; Romance X, 2002, Cathérine Breillat), sozialrealistische Filme dagegen eher dem epischen Typus (Riff-Raff, 1990, Ken Loach). Außerdem gibt es eine Fülle von Filmen, die auf eine traditionelle Konfliktstruktur verzichten und zugleich weder Figur noch Milieu als thematische Klammern der Szenenfolge behaupten (an zwei extremen Beispielen: Nashville, 1975, Robert Altman, und Roma, 1972, Federico Fellini) und die nur gelegentlich das „Atmosphärische“ oder so etwas wie „Lebensgefühl“ als Rahmen angeben (wie die späten Filme von Jacques Tati oder Louis Malles Milou en Mai, 1990).

Literatur: Evelein, Johannes F.: August Strindberg und das expressionistische Stationendrama. Eine Formstudie. New York u.a.: Lang 1996. – Oehm, Heidemarie: Subjektivität und Gattungsform im Expressionismus. München: Fink 1993. – Vriesen, Hellmuth: Die Stationentechnik im neueren deutschen Drama. Diss. Kiel 1934.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: AS


Zurück