Lexikon der Filmbegriffe

Innere Rede

Vor allem in der osteuropäischen Semiotik von Ejchenbaum, Eisenstein bis Bachtin wird „innere Rede“ (manchmal auch: „innere Sprache“) als Bezeichnung für jene Prozesse gebraucht, in denen die Aneignung von Texten in der unmittelbaren Rezeptionsphase sich vollzieht. Es handelt sich dabei um eine Übersetzung von äußeren Zeichenereignissen in mentale Prozesse. Nur im Sonderfall ist damit ein tatsächliches „stilles Sprechen“ gemeint, sondern es sind vielmehr eine Prozesse der Ergänzung, Vorwegnahme, Zusammenfassung, der Hypothesenbildung, der Extraktion von Subtexten etc. damit erfasst. Das Konzept wurde im Anschluss an den Denkpsychologen Wygotski auf die Rezeption ästhetischer Gegenstände übertragen. Wygotski hatte die „innere Sprache“ als Intermedium skizziert, das später Voraussetzung des Denkens und der Kommunikation ist – die „innere Sprache“ wird vom Kind erworben, weil und indem es lernt, äußere Dialoge (und Sinnprozesse) zu internalisieren, dadurch gleichsam die Rolle des anderen Menschen in sich selbst verkörpernd und das Kollektive in die eigene Alltagspraxis integrierend.
„Innere Rede“, die sich auf ästhetische Gegenstände richtet, insbesondere durch Filme angeregt wird, war für Eisenstein darüber hinaus eine Spur zu „weit entfernten, in der Tiefe des Bewusstseins liegenden Ursprüngen der Vorstellungen“. Entsprechend der historischen Bedingungen des Künstlers wählt dieser jene ursprünglichen Mittel aus, welche für die „vierte Dimension des Films“ besonders effektiv erscheinen: die vorbewusste, zeichengelenkte Eigenleistung des Zuschauers.

Literatur: Achutina, Tat’jana: Vygotskijs ‚Innere Rede‘: zum Schicksal eines Konzepts. In: Die Aktualität des Verdrängten. Studien zur Sprachwissenschaft im 20.Jahrhundert. Hrsg. v. Konrad Ehlich u. Katharina Meng. Heidelberg: Synchron 2004. – Sokolov, Aleksandr Nikolaevic: Vnutrennjaja rec' i myslenie [Innere Rede und Denken]. Moskva: Izd. Prosvescenie 1968. – Wygotski, Lew Semjonowitsch: Denken und Sprechen. Berlin: Akademische Verlagsanstalt 1964. Repr. Frankfurt: Fischer 1969. Zahlr. Neuausg.

Referenzen:

Innere Rede: Formalismus


Artikel zuletzt geändert am 15.07.2011


Verfasser: HJW


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