Lexikon der Filmbegriffe

Kinofizierung

von russ. Kinofikazija

(1) Potential des Films, die Formen anderer Künste zu verfremden und für die Wahrnehmung zu erneuern. Als Kinofizierung des Theaters bezeichnet Piotrovskij die Dynamisierung des statischen theatralischen Raumes. Die Kinofizierung konstruktiver Formen geht für ihn stets mit einer konstitutiven Veränderung der jeweiligen Kunstform einher. Im kinofizierten Theater zerfällt die Einheit des Dramas in einander schroff sich ablösende und weitgehend autonome Episoden-Stücke. Die kinofizierte Literatur zeichnet sich aus durch eine Ästhetik der unmotivierten Präsentation von Material und eine zur Sujetlosigkeit tendierende montagehafte Syntax. Für das Kunstsystem insgesamt bedeutet Kinofizierung eine Verschiebung des Stellenwerts und der Interrelationen der einzelnen Kunstformen. Die damit einhergehende Bildung von Mischgattungen führt zu synkretistischen Formen, aus denen selbst wiederum sekundär eine Wiederherstellung der Spezifik der entsprechenden Kunstformen resultiert.
(2) Die Kinofizierung der sowjetischen Kultur war eine 1924 unter Stalin etablierte kulturpolitische Zielvorgabe und zielte auf eine landesweite, zuschauerfreundliche, kontinuierliche Versorgung mit dem seinerzeit modernsten Massenmedium Film – von der Produktion über die Distribution bis zur Rezeption. Dass diese landesweite Versorgung dann nur solche Filme zuließ, die die Stalinsche Ideologie mittrugen und transportierten oder gar konstituierten, gehörte unabdingbar dazu. Diese durch Stalin mobilisierte Kinofikazija einschließlich ihrer totalitaristischen Strukturen bildete das Fundament für den gesamten Kino- und Filmbetrieb der Sowjetunion bis weit in die 1980er Jahre hinein. 
 

Referenzen:

expanded cinema


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: WB HHM


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