Lexikon der Filmbegriffe

Leitmotiv

engl.: leitmotif

(1) In der Musikwissenschaft nennt man einen charakteristischen Melodieteil Leitmotiv vor allem dann, wenn er symbolische Funktionen übernimmt (wie das Motiv der Geliebten in Berlioz‘ „Symphonie fantastique“). Hier kehren Leitmotive an verschiedenen Stellen wieder, um Gedanken, Gefühle, tiefere Bedeutungen zu signalisieren. In der Filmmusik treten Leitmotive wie in Oper oder symphonischer Dichtung assoziiert mit Figuren, Ideen, Milieus oder Handlungen auf auf (man denke an das Harry-Lime-Thema in Carol Reeds The Third Man, 1949). So kann die Bedrohung durch den Antagonisten musikalisch angekündigt werden (wie in Jaws, 1975), der Kindermörder trägt ein musikalisches Signal (wie in Fitz Langs M, 1931), manchmal werden auch mehrere Leitmotive gegeneinander getrieben wie in Ennio Morricones Musik zu Once Upon a Time in the West (1968). Musikalisch entsteht so ein Motivteppich, der die Bedeutung des Films präfiguriert.
(2) Das Modell wurde in der Literatur- und in der Filmwissenschaft entlehnt und übertragen auf alle Ausdrucksmittel, die in der Weise des musikalischen Leitmotivs eingesetzt werden (Elemente oder Sequenzen des Sound, wiederkehrende Muster der Bildkomposition oder der Auflösung, Dialogstücke und anderes mehr). Immer geht es darum, durch die formale Verwandtschaft der „Motive“ auf inhaltliche Beziehungen aufmerksam zu machen. So findet sich in Truffauts Jules et Jim (1961) dreimal eine sehr schnelle Bildfolge auf ein weibliches Gesicht (Dias einer Statue, quasi-subjektive Aufnahmen bei der Besichtigung der Skulptur, Aufnahmen der späteren Hauptfigur), die die reale Figur in eine Reihe mit künstlerischen Bildern des Weiblichen stellt und sie als ein Faszinosum ausweist, das die Helden der Handlung sonst nur unter Objekten der Kunst gefunden haben.

Literatur: Boekhorst, Peter te: Das literarische Leitmotiv und seine Funktionen in Romanen von Aldous Huxley, Virginia Woolf und James Joyce. Frankfurt [...]: Lang 1987. – Borchardt, Edith: Leitmotif and Structure in Fassbinder’s Effie Briest. In: Literature/Film Quarterly 7,3, 1979, S. 201-207. – Klimke, Christoph: Kraft der Vergangenheit. Zu Motiven der Filme von Pier Paolo Pasolini. Frankfurt: Fischer 1987.

Referenzen:

Kennmotiv (1)

Kennmotiv (2)

Motiv: psychologisches Motiv

Motiv: dramatische Motive

Motiv: Texttheorie der Motive


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück