Lexikon der Filmbegriffe

Fragment

von lat. fragmentum = das Bruchstück

Der Begriff kann (1) Bruchstücke ursprünglich vollständiger Filme meinen, (2) allgemeiner unabgeschlossene Filme überhaupt, also auch solche, die es nie anders als in unvollständiger Form gab. Gründe für Fragmentizität können auf Produktions-, Rezeptions- und Konzeptionsebene liegen. Zu den produktionsabhängigen Faktoren gehören
– der Wechsel oder Verlust von Auftraggebern oder Filmproduzenten (wie im Falle Eisensteins ¡Que viva Mexico!, 1932, der in mehreren Schnittfassungen publikumsfähig gemacht wurde),
– Verschiebungen von Medienstrukturen, politische Machtwechsel oder Kriege (wie der fatale Nazi-Propagandafilm Der Führer schenkt den Juden eine Stadt, 1944, Kurt Gerron, der nur in Fragmenten überliefert ist),
– technologische Veränderungen sowie vor allem
– Veränderungen in der Crew-Besetzung (durch Todesfall o.ä. wie bei Andrzej Munks Pasazerka, der nach Munks Tod 1961 abgebrochen und der 1963 von Munks Freund Witold Lesiewicz als Fragment zugänglich gemacht wurde).
Rezeptionsabhängige Unvollständigkeiten beruhen auf unterschiedlichen Modi in Tradierung und Distribution, auf Makulierung oder gar Vergessen von Filmteilen, können aber auch als Zensurfall gekürzt worden sein. Schließlich kann es im Realisierungsstadium zum Abbruch einer Filmproduktion kommen, etwa weil sich die Konzeption als überkomplex, zu banal oder uneinlösbar erweist. Manchmal wird das Fragmentarische als ein Mittel des reflexiven Kinos ausgestellt, lassen sich doch die Geschlossenheit der Fiktion, die Einheitlichkeit des Werks, die historische und politische Einbindung von Filmproduktion trefflich thematisieren.
Orson Welles, der nur selten Kontrolle über die Produktionsmittel erlangen konnte, hat eine ganze Reihe von Projektfragmenten hinterlassen – vom Drehbuch (The Other Side of the Wind) bis zu fragmentarisch realisierten Rohschnittfassungen von Teilfilmen (wie The Deep mit Jeanne Moreau). Manchmal auch werden Fragmente als Herausgeber-Fiktionen gedreht, sollen dann Filme in Ausschnitten repräsentieren, die es nie gegeben hat; ein bekanntes neueres Beispiel ist Peter Jacksons Forgotten Silver (1995), der nur fragmentarisch erhaltene Filme eines unbekannten (und erfundenen) neuseeländischen Filmpioniers enthält.

Literatur: Elias, Camelia: The fragment. Towards a history and poetics of a performative genre. Bern [...]: Lang 2004. – Orban, Clara: The culture of fragments. Words and images in futurism and surrealism. Amsterdam [...]: Rodopi 1997.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: PB AS


Zurück