Lexikon der Filmbegriffe

Nollywood

Kofferwort aus „Nigeria“ + „Hollywood“, an ‚Bollywood‘ als Bezeichnung der indischen Filmproduktion erinnernd; auch: Naija films

Seit Anfang der 1990er hat sich in dem westafrikanischen Staat Nigeria eine außerordentlich erfolgreiche Produktion von Filmen auf Video entwickelt. Mit etwa 1.000 bis 1.200 Filmen jährlich, manche Quellen berichten gar von 2.000 Filmen, ist die Produktion eine der umfangreichsten der Welt, noch vor der indischen Kinoproduktion mit ihren etwa 800 bis 900 Filmen pro Jahr. Allerdings sind Budgets und Produktionsformen ganz andere, denn gedreht wird ausschließlich auf Video innerhalb von durchschnittlich zehn Tagen mit Mini-Budgets und mit meist unprofessionellen Laien und Autodidakten. Ausnahmen sind etwa der frühere Kinokameramann Tunde Kelani, der auch gesellschaftsrelevante Themen aufgreift, wie etwa die Folgen ungebremster Modernisierungen (Ti oluwa nile, 1997), Korruption und Militärdiktatur (Sawaroide, 1999) oder die Rivalitäten zwischen Völkergruppen (Thunderbolt, 2001). Auch ehemalige Regisseure des nigerianischen Fernsehens wie etwa Zeb Ejiro oder Amaka Igwe betätigen sich als Regisseure in der Videoproduktion. Inhaltlich besteht das Gros der Filme aber aus einer für westliche Sehgewohnheiten bizarren Mischung aus Action und Klamotte, Horror und Melodram, Musical und „telenovela“, zuweilen technisch und handwerklich eher krude. Geschichtlich geht diese Form der Produktion auf die abgefilmten und teils sehr erfolgreichen Wandertheaterstücke aus den 1970ern zurück, die zunächst noch auf 35mm, später dann auf 16mm und seit 1988 auch auf Video realisiert wurde. Dennoch konnte sich die Distribution über Video erst mit den Einschränkungen durch die Militärdiktatur durchsetzen. Durch Ausgangssperren und die unsicheren Verhältnisse mussten die meisten Kinos schließen, das Sehen von Filmen beschränkte sich so notgedrungen auf den heimischen Videorekorder.
Kostengünstig in der Produktion, mit einem funktionierenden Vertriebsnetz und durchaus profitabel, war es vor allem der Volksgruppe der Igbo vorbehalten, Marktführer in diesem Segment zu werden. Doch auch die Haussa und Yoruba besitzen eine eigene Produktion, die aber meist auf ihre eigenen Volksgruppen zielt.
Neben der Ölindustrie hat sich die Nollywood-Filmproduktion mit 125.000 Arbeitsplätzen inzwischen gar zum zweitwichtigsten Industriezweig des Landes entwickelt. Auch in Amerika und Europa sind Nollywood-Filme inzwischen in Afro-Shops zu haben.

Literatur: Adejunmobi, Moradewun: Foreign languages, local audiences. The case of Nigerian video film in English. In: Vernacular palaver. Imaginations of the local and non-native languages in West Africa. Clevedon [England]/Buffalo: Multilingual Matters 2004. – Haynes, Jonathan: Nigerian Cinema: Structural Adjustments. In: Research in African Literatures 26,3, Fall 1995, S. 97-119. - Haynes, Jonathan / Okome, Onookome: Evolving Popular Media: Nigerian Video Films. In: Research in African Literatures 29,3, Fall 1998, S. 106-129. – Oha, Obododimma: The visual rhetoric of the ambivalent city in Nigerian video films. In: Cinema and the city. Film and urban societies in a global context. Ed. by Mark Shiel and Tony Fitzmaurice. Oxford/Malden, Mass.: Blackwell 2001.


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: TS


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