Lexikon der Filmbegriffe

Travestie (1)

von franz. travesti ‚verkleidet‘, Partizip Perfect zum Verb (se) travestir (von lat. trans + vestire) ‚(sich) umkleiden‘; seit 1674 im Englischen (travesty) belegtes Substantiv, seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts explizit textwissenschaftlich verwendeter Begriff, der in enger Nachbarschaft zu Satire, Parodie und Burleske steht

Die Travestie übernimmt Bestandteile eines bestehenden Werkes, Motive oder Elemente eines Mythos und formt sie in einer Weise um, die die ältere Vorlage noch erkennen lässt, aber Komik, Belustigung, Lächerlichkeit, Klamauk oder gar Spott hervorruft. Der französische Literaturwissenschaftler Gérard Genette versteht die Travestie als Phänomen der Intertextualität und definiert sie als Umkehrung der – künstlerisch anspruchsvolleren – Parodie: Während letztere ihren Gegenstand unter Beibehaltung der stilistischen Merkmale der Vorlage verändert, behält die Travestie ihren Gegenstand inhaltlich zwar bei, ändert aber die formalen und stilistischen Eigenheiten, und zwar oft recht grob und in Richtung auf brachial-komödiantische Effekte. Kaum ein Genre ist von Travestieversuchen verschont geblieben, auch nicht (um nur wenige Beispiele zu nennen) der Western (Blazing Saddles / dt.: Is’ was, Sheriff?, USA 1974, Mel Brooks) oder das Polizeifilmgenre und der Science-Fiction-Film (2001: A Space Travesty / dt. 2002: Durchgeknallt im All, Kanada/USA/BRD 2000, Allan A. Goldstein, mit Leslie Nielsen in der Hauptrolle).
Häufig findet sich ein relativ laxer bzw. intuitiver Sprachgebrauch, dem zufolge ein Film als Travestie bezeichnet wird, der Zuschauern als zwar gar nicht beabsichtigte, von seiner inhaltlichen Aussage her aber so empfundene, letztlich jedoch misslungene Verspottung einer Vorlage oder als Lächerlichmachen eines Themas erscheint. In diesem Sinne finden sich z.B. Filme wie Evolution (USA 2001, Ivan Reitman), Pearl Harbor (2001, Michael Bay), Planet of the Apes (USA 2001, Tim Burton) und sogar Oliver Stones Politthriller JFK (USA 1991) als Travestien bezeichnet.

Literatur: Gehring, Wes D.: Parody as film genre: "never give a saga an even break". Westport, Conn. [u.a.]: Greenwood Press 1999. – Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1993 [2. Aufl. 1996], S. 79-96. – Harries, Dan: Film parody. London: BFI 2000. – Hague, Angela / Lavery, David (eds.): Teleparody: predicting – preventing the TV discourse of tomorrow. London [u.a.]: Wallflower 2002. – Norden, Martin F.: A good travesty upon the suffragette movement: women's suffrage films as genre. In: Journal of Popular Film & Television 13,4 (1986), S. 171-177.

Referenzen:

Burleske

Farce

Ironie

lampoon

Parodie

Pastiche

Satire

spoof


Artikel zuletzt geändert am 05.02.2012


Verfasser: LK


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