Lexikon der Filmbegriffe

Tragikomödie

engl.: tragicomedy; franz. tragi-comédie; von dem römischen Dichter Plautus aus ‚tragicocomoedia‘ gebildetes Kofferwort, das die beiden eigentlichen Gattungen der antiken Dramentheorie miteinander verbindet. Ursprünglich ist eine ernste Handlung gemeint, die glücklich ausgeht; manche Theoretiker sehen dagegen explizit im tragischen Ausgang das Wesen der Tragikomödie. Als eigene „dritte“ Bühnengattung kennt man sie seit der Renaissance, doch ist und bleibt sie immer ein Phänomen von Übergängen, Mischungen und Brechungen, das eher eine Skala von Realisierungsmöglichkeiten denn feste Genrezuordnungen ergibt. Abgrenzungsschwierigkeiten bestehen zu Schwank, Posse, Groteske, Rührstück, weinerlich-rührendem Lustspiel, bürgerlichem Trauerspiel, Farce, Travestie, Satire wie auch zu Darstellungen des Absurden (wie etwa Terry Gilliams Film Brazil, 1985).
Die Tragikömie als Überblendung von tragischen, dem Zuschauer Distanz nehmenden, und komischen, Distanz gerade herstellenden Elementen findet - in der Regel und nicht unproblematisiert – ein nicht-tragisches Ende. Sie bedient sich stilistisch-kommunikativer Mittel des „Kipp-Phänomens“ (Iser) Komödie, insbesondere situativ-episodal angelegter Komik auf Grundlage eines gern auch physisch ausagierten Spieltriebs, nutzt Übertreibung, Widersinn, Überraschung, Wiederholung und Reprise, Sprachwitz und Sarkasmus. Doch sie kreist nicht um das episch perspektivierte Scheitern des schuldverstrickten Helden in all seiner Hybris, sondern zeigt „kleine“ Charaktere der Alltagswelt und ihre Beziehungsprobleme in einer Welt, die nicht wie die der Tragödie heroisch fest verortet ist, sondern ihnen ständig in der Form von eher „kleinen“ alltäglichen Katastrophen den Boden unter den Füßen wegzureißen droht. Trotzdem zeichnet sie ihre Protagonisten nicht als hoffnungslos verloren angesichts des Schlechten, Schäbigen, Dummen, Monströsen oder Absurden in der Welt, und sie zwingt ihnen – und den Zuschauern – auch angesichts eines oft clownesk und lächerlich wirkenden Kampfes gegen die Widrigkeiten der Lebenswelt wie auch gegen ihre eigenen Unzulänglichkeiten keine Teleologie auf, sondern empfiehlt sich durch gegenweltliches Lachen.
Der seit Shakespeare bekannte Typus der sog. dunklen oder schwarzen Komödie (dark oder black comedy; z.B. Fargo, 1996, Joel Coen; American Beauty, 1999, Sam Mendes), zu dem man auch als stark umstrittenen, Grenzreaktionen provozierenden Sonderfall die sogenannte „KZ-Komödie“ (La Vita e bella / Das Leben ist schön, 1998, Roberto Begnini) zählen kann, zeichnet sich durch ein trauriges oder ironisches Ende aus und wird häufig der Tragikomödie zugerechnet, obgleich es gute Argumente dafür gibt, die beiden Typen getrennt zu belassen. Die filmische Tragikomödie entzieht sich der Definition – Zuordnungen von Filmen rufen rasch Einspruch hervor, weshalb manche Fachlexika und Handbücher dem Begriff ausweichen und Beispiele stillschweigend unter dem Stichwort der Komödie abhandeln.
Der Kategorie lassen sich so unterschiedliche Filme zurechnen wie Limelight (1931, Charles Chaplin), La Règle du Jeu (1939, Jean Renoir), Sommarnattens Leende / Das Lächeln einer Sommernacht (1955, Ingmar Bergman), Der Hauptmann von Köpenick (1956, Helmut Käutner), Harold and Maude (1971, Hal Ashby), American Graffiti (1973, George Lucas), King of Comedy (1983, Martin Scorsese), The Madness of King George (1994, Nicholas Hytner), Underground (1995, Emir Kusturica), I Hired a Contract Killer (1990, Aki Kaurismäki), Jagoda u supermarketu (dt.: Jagoda im Supermarkt, 2003, Dusan Milic), About Schmidt (2002, Alexander Payne) sowie viele Werke Woody Allens.

Literatur: Gehring, Wes D.: American dark comedy. Beyond satire. Westport, Conn.: Greenwood Press 1996. – Orr, John: Cinema and modernity. Cambridge: Polity Press / Cambridge, MA: Blackwell, 1993, Kap. 2. – Ran-Moseley, Faye: The tragicomic passion. A history and analysis of tragicomedy and tragicomic characterization in drama, film, and literature. New York [u.a.]: Lang 1994. – Stock, Walter: Gaukler, Clowns und Komödianten. Tragikomödie im Film. Von Chaplin bis Fellini. Gerolzhofen: Landesarbeitsgemeinschaft [Bayern] für Jugendfilmarbeit und Medienerziehung 1988. – Weber, Nathalie: Woody Allen & Paul Mazursky. Das Tragikomische als Ausdrucksmittel jüdischer Selbstreflexion im amerikanischen Film. Berlin: Logos 2006.

Referenzen:

Komödie

Tragödie

bittersweet comedy

black comedy

dark comedy

dramedy

Farce

Groteske

KZ-Komödie

schwarze Komödie

Satire


Artikel zuletzt geändert am 05.02.2012


Verfasser: LK


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