Lexikon der Filmbegriffe

Untersicht

engl.: low angle, low angle shot, up shot

„Untersichten“ werden alle Kamerapositionen genannt, die unterhalb der „Normalsicht“ in Höhe der Augen der angerbildeten Figur sind; dazu gehören die – je nach relativer Kamerahöhe – manchmal so genannten „Bauch-“ und „Beinsichten“ sowie die „Froschperspektiven“. Untersichten werden oft als artifiziell angesehen und nur in besonderen, stilistisch oder inhaltlich begründeten Fällen verwendet. Im Avantgarde-Kino der 1920er finden sich gelegentlich sogar Kamerapositionen „unterhalb“ der Figur, die durch einen gläsernen Boden zu sehen ist (z.B. in Entre‘acte, 1924, René Clair; L‘age d‘or, 1930, Luis Bunuel; A propos de Nice, 1930, Jean Vigo; aber auch: The Lodger, 1927, Alfred Hitchcock). Konsequent niedrige Kamerapositionen verwendet auch Yasujiro Ozu in seinen Filmen, der die Koordination von Kamerahöhe und Handlungen der Figuren durch eine unabhängige Stilistik der Strategien der Kamerapositionierung ablöst. Eine Reihe von Untersichten entsteht aus der Motivation der Handlungslinie, der sich die Kamerapositionen anschmiegen (etwa, wenn in Dialogen eine Person sitzt und die andere steht, oder wenn Kinder mit Erwachsenen interagieren). In der Wirkungspsychologie ist lange die These verfochten worden, Untersichten seien mit der „wahrgenommenen Mächtigkeit“ einer Figur koordiniert: Wird eine Person aus leichter Untersicht aufgenommen, wird sie danach von den Versuchspersonen hinsichtlich „Potenz“ und „Aktivität“ deutlich positiver bewertet als solche, die aus leichter Aufsicht präsentiert werden. So politisch brisant die These vor allem in Wahlkampfberichterstattung auch sein mag, so wenig konnte sie empirisch gestützt werden.

Literatur: Kepplinger, Hans Mathias / Donsbach, Wolfgang: Der Einfluß von Kameraperspektiven auf die Wahrnehmung eines Parteiredners durch Anhänger, Gegner und neutrale Zuschauer. In: Massenmedien und Wahlen. Hrsg. v. Winfried Schulz & Klaus Schönbach. München: Ölschläger 1983, S. 406-423. – Mandell, Lee M. / Shaw, Donald L.: Judging people in the news – unconsciously. Effect of camera angle and bodily activity. In: Journal of Broadcasting 17, 1973, S. 353-362. – McCain, Thomas A. / Chilberg, Joseph / Wakshlag, Jacob: The effect of camera angle on source credibility and attraction. In: Journal of Broadcasting 21, 1977, S. 35-46.
 

Referenzen:

Froschperspektive

Kamerahöhe


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW AS


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