Lexikon der Filmbegriffe

Atmosphäre

aus dem Griech.: atmós = Dampf, Dunst, Hauch, und sphaira = Kugel; bezeichnet traditionellerweise die Gashülle, von der ein Himmelskörper umgeben ist

Atmosphären sind Relationsdinge, die nicht allein, sondern nur als Qualität von Objektkonstellationen und/oder Environments (Landschaften, städtische Räume, Wohnungen, Inszenierungen etc.) auftreten können. Nach Ansicht vor allem phänomenologisch argumentierender Beschreibungen sind Atmosphären flüchtige Gefühlszustände, die sich ohne Anbindung unvermittelt einstellen können. Sie sind Gefühlsqualitäten, die ein Kommunikationsmacher allerdings bewusst für den Adressaten gestalten kann, so dass dieser affektiv-emotional besonders angesprochen wird. Es gibt also eine eigene Dramaturgie des Atmosphärischen, was gegen die Annahme seiner Unvermitteltheit spricht – vielmehr kommt es aus Strategien der semantischen Verdichtung und beruht einerseits auf der Dichte der Sinneseindrücke, die ein Szenario induziert, wie auch auf der Homogenisierung von Figur und Umwelt, für die sich eine zumindest partielle und zeitweilige Aufhebung der Figur-Umwelt-Trennung einzustellen scheint. Atmosphärische Dichte ist entsprechend eine Engführung von Figuren und Hintergründen, von Größen der Erzählung und der diegetischen Welt. Die wohl größte Bewusstheit des Atmosphärischen genießt der Film-Ton (atmosphärischer Ton oder kurz Atmo). Gerade hier wird die Zusammengesetztheit des Atmosphärischen, seine unmittelbar scheinende Gegebenheit, verbunden mit dem Eindruck einer nicht auflösbaren Ganzheitlichkeit, ebenso sinnfällig wie die Kondensation von (akustischen und synästhetisch sich einstellenden, manchmal auch musikalisch unterstützten) Sinneseindrücken. Deutlich wird aber auch, dass Atmosphären wissensbasiert sind. So setzt sich beispielsweise für den Handlungsort „Bahnhof“ der Atmoton aus dem Geräusch einfahrender Züge, von Schritten auf dem Bahnsteig, Lautsprecherdurchsagen, Gepäckwagen u.a. zusammen. Der amerikanische Terminus Sound Image deutet noch stärker darauf hin, dass es sich auch bei den akustischen Konstruktionen im Film um Ton-Bilder handelt, welche nach künstlerischen Gesetzmäßigkeiten organisiert sind. Derartige Ton-Hintergründe werden oft Soundscapes genannt.

Literatur: Böhme, Gernot: Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik. Frankfurt: Suhrkamp 1995. – Böhme, Gernot: Anmutungen. Über das Atmosphärische. Ostfildern vor Stuttgart: Ed. Tertium 1998. – Brunner, Philipp / Schwinitz, Jörg / Tröhler, Margrit (Hrsg.): Filmische Atmosphären. Marburg: Schüren 2011.

Referenzen:

Ambience

Atmo

Tonschleife

walla

Wetter I: Metaphorologie

Wetter II


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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