Lexikon der Filmbegriffe

Kabuki

Sehr alte, hochstilistische, bis heute beliebte und – z.B. auch als Comic – lebendige Form des japanischen Theaters, deren schauspielerische, tänzerische und musikalische Entwicklungen seit der Zeit des japanischen Feudalismus (17.-19. Jh.) ihren eigenen Code entwickelt haben. Im Unterschied zum feierlichen Nô-Spiel (auch: Noh-Spiel) betont das Kabuki visuelle Drastik und dramaturgisch wirkungsvollen Einsatz von Schaueffekten, Mimik und stilisierten Emotionen.
Bereits die ersten japanischen Filme waren bühnennahe Versionen bzw. Adaptionen von klassischen Kabuki-Stücken und behandelten neben der immer wieder neu bearbeiteten Samurai-Thematik auch Motive aus dem Leben in der modernen Großstadt. Die politisch und kulturell gewollte, weitgehende Abkopplung von westlichen Traditionen des Filmemachens zwang die japanischen Regisseure, eine weitgehend eigenständige Filmsprache zu entwickeln. Zu den ursprünglichen Konventionen des Kabuki-Theaters wie auch der Filme im Kabuki-Stil gehörten auffällige Eigenheiten wie z.B. die onnagat oder oyama genannten Männer, die die Frauenrollen spielten und dabei als Männer zu erkennen blieben, und das System der sogenannten benshi, der Erzähler-Kommentatoren.
Mit dem großen Einschnitt, den das Erdbebens von 1923 bedeutete, bei dem die technischen Einrichtungen und Möglichkeiten der japanischen Filmindustrie weitgehend zerstört worden waren, konnte ein Neuanfang eingeleitet werden, der auch die Standards der westlichen Studios und Regisseure zur Kenntnis nahm und zur weitgefassten und grundsätzlichen Unterscheidung filmischer Arbeiten in Jidai-geki (historische Stoffe) und Gendai-geki (aktuelle Thematiken) führte. Während der Zeit des 2. Weltkriegs zogen sich auch so bedeutende Regisseure wie Akira Kurosawa oder Kenji Mizoguchi auf Kabuki-Stoffe zurück; sie behielten zudem in ihrem späteren Werk entsprechende Elemente dieser Kunst auf beeindruckende Weise bei. Ein moderner, das Verfahren neu belebender Kabuki-Darsteller von Frauenrollen (wie z.B. in Yashagaike [„weiblicher Demon“], 1979, Masahiro Shinoda) ist der 1950 geborene Schauspieler und Regisseur Tamasaburo Bando, dem Daniel Schmid eine eigene filmische Dokumentation gewidmet hat (The Written Face, aka: Das geschriebene Gesicht, Schweiz/Japan 1995).

Literatur: Kirihara, Donald: Kabuki, cinema, and Mizoguchi Kenji. In: Heath, Stephen / Mellencamp, Patricia (eds.): Cinema and language. Frederick, MD: University Publications of America 1983, S. 97-106. – McDonald, Keiko I.: Japanese classical theater in films. Rutherford: Fairleigh Dickinson University Press / Cranbury, NJ: Associated University Presses 1994. – Richie, Donald: A hundred years of Japanese film: a concise history, with a selective guide to videos and DVDs. Tokyo / New York: Kodansha International 2001, Kap. 1.

Materialien: http://web-japan.org/museum/kabuki/kabuki.html.

Referenzen:

Benshi

Onnagata

Shimpa / Shinpa / Shinpa film

Shingeki


Artikel zuletzt geändert am 07.02.2012


Verfasser: LK


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