Lexikon der Filmbegriffe

lettristischer Film

selten: letteristischer Film; frz.: film lettristique

Eine Extremform des Schriftfilms bildet seit den 1920er Jahren der lettristische Film. Er verdankt seinen Namen dem Lettrismus (frz.: lettrisme, von frz.: lettre = Buchstabe), einer 1945 von Isidore Isou in Paris gegründeten literarischen und künstlerischen Bewegung, die in konsequenter Weiterführung und Systematisierung unter anderem Dadaismus und Surrealismus Tendenzen die Atomisierung von Wörtern zu Buchstaben und deren Neuzusammensetzung zu sinnfreien Lautgebilden anstrebte. Er inszeniert Schriften in einem imaginären Raum, Schrift wird zum Objekt des abstrakten Bildes und ist zugleich eigener Zeichenträger, Objekt, Sprachkorrelat und typographisches Emblem. Er bedient sich vorder- und hintergründig der medialen Grundeigenschaft des Films, der Bewegung bzw. der Simulation von Bewegung. Filmische Mittel wie Flickereffekte, Materialdeformationen, Anordnungen des Expanded Cinema, die Koordination mit einer oft komplex arrangierten Tonspur sind Kennzeichen der Richtung. Isou selbst hatte bereits mit belichteten Materialien, die er sich aus dem Armeeministerium besorgt hatte, experimentiert; dazu hatte er das Negativmaterial mit Nagel, Schere und anderen Werkzeugen malträtiert, so dass auf der Emulsionsschicht skripturale Ziselierungen entstanden. Hinzu tritt insbesondere eine aufwendige Collagierung des Tons, der poetologisch auf Modelle des objet trouvé und der musique concrète zurückgreift.

Literatur: Devaux, Frédérique: Le cinéma lettriste (1951-1991). Paris: Ed. Paris Expérimental 1992. – Grashoff, Richard: Der befreite Buchstabe. Über Lettrismus. Diss. Freie Universität Berlin 2000. – Lentz, Michael: Zur Intermedialität in experimentellen Schriftfilmen. In: Schrift und Bild im Film. Hrsg. v. Hans-Edwin Friedrich u. Uli Jung. Bielefeld: Aisthesis 2002, S. 113-138.

Referenzen:

Schriftfilm


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: AS GF


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