Lexikon der Filmbegriffe

Tod im Film

Tod im Kino ist nicht nur als inhaltliches Motiv untersucht worden, sondern auch im Hinblick (1) auf narrative Strukturen, die ihm typischerweise zugewiesen sind, (2) auf den Tod als visuelles Phänomen, Personifizierungen des Todes ebenso wie die Visualisierungen des Todesmoments (z.B. als Übergang in Licht oder Dunkelheit, als Himmelstor und dergleichen mehr), (3) auf das rein technische Festhalten des Moments auf Zelluloid, der als Überwindung der Zeit, gelegentlich aber auch als Einfrieren des Lebendigen angesehen worden ist.
Tode im Film sind in den Genres verschieden gesetzt und interpretiert. Während das Töten und Sterben in Genres wie Horrorfilm, Actionfilm, Mafiafilm etc. eher untergeordnet ist und dem narrativen Fortgang dient, wird in Filmen über Suizid, tödliche Krankheiten (Philadelphia, 1993) oder Sterbehilfe (Mar Adentro, 2004) der Tod meist narrativ-kohärent ans Ende, einer Klimax gleich, gesetzt. Gelegentlich finden sich auch makaber-komische Plots über das Sterben und Töten, wenngleich sie relativ selten sind (Wilbur Wants to Kill Himself, 2002).
Filmsprachliche Mittel zur Darstellung des Todes sind Ellipsen, Metaphern oder Metonymien, da der Tod an sich – im Gegensatz zu Krankheit, Trauer oder dem Akt des Tötens – als nicht darstellbar gilt. Konventionelle Todesbilder, wie der letzte Atemzug des bettlägerigen Protagonisten (Magnolia, 1999) oder der anhaltende Ton der Vitalparameter-Maschine im Krankenhaus als pars pro toto, stehen dabei neben eher hermetischen Bildern, wie etwa jenen des Birkenwalds als Hades-Metapher in Dead Man (1995). Durch Montage, Schnitte und Lücken verwebt sich das Sterben meist punktgenau in das Erzählmuster. Eher selten sind Filme wie Schneeland (2004), in denen die Leiblichkeit nach Todeseintritt fokussiert bleibt (die Tochter wäscht hier den leblosen Körper der Mutter). In Anlehnung an die kunsthistorische Tradition des Totentanzes existiert als filmische Figur die des personifizierten Todes (Der müde Tod, 1921).
Immer wieder lösten vermeintlich realistische Darstellungen des Tötens und Sterbens in Kinofilmen Debatten aus, wie etwa 1967 nach dem Erscheinen von Bonnie and Clyde, der aus unterschiedlichen Perspektiven den Einschlag einer Kugel in den Körper zeigt, oder Krotki Film o Zabijaniu (Ein kurzer Film über das Töten (1987), der keinerlei narrative oder psychologische Motivation für den Mord erkennen lässt.

Literatur: Barthes, Roland: Die helle Kammer. Frankfurt: Suhrkamp 1989. – Karpf, Ernst [et al.] (Hrsg): Kino und Tod. Zur filmischen Inszenierung von Vergänglichkeit. Marburg: Schüren 1993 (Arnoldshainer Filmgespräche. 10.). – Kiening, Christian: Das andere Selbst. Figuren des Todes an der Schwelle zur Neuzeit. München: Fink 2003.

Referenzen:

Bodycount

Nekrorealismus

Selbstmord im Film

Tod im Film: Personifikationen des Todes

Todesdarstellung


Artikel zuletzt geändert am 30.08.2012


Verfasser: EE


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