Lexikon der Filmbegriffe

Observational Cinema

dt. gelegentlich: beobachtendes Kino

Im engeren Sinne gehört das „Kino der Beobachtung“ zum filmischen Methodenkanon der visuellen Anthropologie (in einem weiteren Sinne wird es auch als Oberbegriff für Direct Cinema und Cinéma Vérité gebraucht, aus deren ethnologischer Reflexion das Konzept stammt). Es steht in enger Beziehung zur Methode der Teilnehmerbeobachtung, beide verlangen ein intensives Sich-Einlassen auf das Alltagsleben, beide registrieren die Handlungen des Beobachteten (steuern sie nicht), beide reklamieren für sich, seinen subjektiven Sinnentwürfen Stimme zu geben (reverential witnessing wird manchmal als Aufgabe des „observierenden Kinos“ genannt). Methodisch ist man nicht auf Verhaltensbeobachtung angewiesen, wie die Filme Roger Graefs aus den 1970er Jahren zeigen, die neben protokollierenden Sequenzen auch und vor allem Interviews enthalten, sich in Teilen der Interaktion mit den Porträtierten stellen etc. Ein neueres, recht spartanisch wirkendes Beispiel ist Martin Bells Streetwise (1984), der Straßenkinder in Seattle ohne weiteren Kommentar beobachtet.


Seit dem Aufkommen der Methode im ethnologischen Film der 1960er Jahre ist mehrfach der Einwand formuliert worden, das Observations-Kino basiere auf einer naiven Erkenntnistheorie, die glaube, durch Beobachtung in die Innenwelt der Interpretation eindringen zu können. Und die naturalistische Ästhetik der Filme wurde beklagt, die anstrengend, unimaginiert und gelegentlich sogar ärgerlich (weil: das Subjekt diffamierend) sei. Schon in den 1960er Jahren forderte darum der Ethno-Filmer David McDougall, über das Kino der Beobachtung hinauszugehen. Umgekehrt wurde auf das Bemühen um Neutralität den Beobachteten gegenüber hingewiesen, die weder heroisiert noch romantisiert würden.

Literatur: Young, Colin: Observational Cinema. In: Hockings, Paul (ed.): Principles of Visual Anthropology. Berlin/New York: Mouton de Gruyter 1975, S. 99-114. Repr. 1995. – MacDougall, David: Beyond Observational Cinema. In: Hockings, Paul (ed.): Principles of Visual Anthropology. Berlin/New York: Mouton de Gruyter 1975, S. 115-132. Repr. 1995.


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: HJW


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