Lexikon der Filmbegriffe

Robin Hood

Die Geschichte des legendären englischen Volkshelden Robin Hood, der im 11. und 12. Jahrhundert mit seinen Vertrauten Will Scarlet, Little John und Bruder Tuck sowie einer Schar von Getreuen im Wald von Sherwood gelebt haben soll, wo er den Klerus und die Aristokratie ausraubte, um die Beute an die Armen zu verteilen, ist einer der populärsten Stoffe des Kinos überhaupt. Allein in der Stummfilmzeit hat es mindestens 11 Adaptionen gegeben, heute liegen ca. 80 Filme vor, die unmittelbar Bezug auf den Stoff nehmen. Die Figur des Robin Hood ist ein moderner Mythos vom gerechtigkeitsliebenden Outlaw und mildtätigen Räuber im grünen Wald, in dem Genre-Bezüge vom Mantel-und-Degen-Film über den Western bis zu den Superhelden des Comic Strip (Tarzan, Superman) aufscheinen. Der Stoff wurde insbesondere wieder und wieder filmisch aufbereitet, typischerweise in Mantel-und-Degen-Filmen, die in einem äußerst farbenprächtigen, aber vollkommen realitätsfernen Mittelalter spielen und Schauwerte in Hülle und Fülle bieten: opulente Bankette, kostbare Roben, trutzige Burgen, düstere Verließe und üppige (in den Studios nachgestellte) Naturszenen. Die Hauptfigur kommt als unerschrockener Rächer der Witwen und Waisen als eine Art outlaw daher.
Meist ist die Kerngeschichte mit der überlieferungsgeschichtlich späteren Liebesgeschichte zwischen Robin und Maid Marian verquickt. Als klassische Verfilmung gilt The Adventures of Robin Hood (1938) mit Errol Flynn in der Titelrolle. Richard Lesters ironischer Abgesang Robin and Marian (1975) setzt den Schlusspunkt unter die Geschichte, die hier 20 Jahre später mit dem Freitod des Titelpaares endet. Über die unmittelbaren Verfilmungen hinaus ist die Figuren- und Machtkonstellation des Stoffs, die Architektonik der Erzählstruktur und die Rhetorik seines Bildaufbaus haben wieder Anlass gewesen, politische Subtexte in diesen Film hineinzulesen, sei es den siegreichen Kampf der freien Demokraten gegen den Naziterror, sei es die Visualisierung der inneramerikanischen Verhältnisse zur Zeit von Roosevelts New Deal. Individualismus gegen Statussysteme, das Prinzip des Volksaufstandes gegen die Unterdrückung, die Dynamik flacher Hierarchien gegenüber der hilflosen Statik hierarchischer Vertikalen – der Robin-Hood-Stoff hat das Modell für eine ganze Reihe politischer Metaphern und Modelle gebildet, in denen konfligierende Werte der Moderne gegeneinander gestellt wurden.

Literatur: Behlmer, Rudy: Robin Hood on the screen. In: Films in Review 2, 1965, S. 91-102. – Hark, Ina Rae: The visual politics of The Adventures of Robin Hood. In: Journal of Popular Film 5, 1976, S. 3-17. – Knight, Stephen (Hrsg.): Robin Hood. a complete study of the English outlaw. Oxford/Cambridge: Blackwell 1994. – Knight, Stephen: A garland of Robin Hood films. In: Film & History 29,3-4, 1999, S. 34ff. – Nollen, Scott Allen: Robin Hood: A cinematic history of the English outlaw and his Scottish counterparts. Jefferson, NC/London: McFarland 1999.


Artikel zuletzt geändert am 24.07.2011


Verfasser: PB LK.


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