Lexikon der Filmbegriffe

Weibliche Täter

In der Geschichte des Kriminalfilms unterscheiden sich weibliche und männliche Täter in Quantität und Qualität der Darstellung. Wie in der Kriminalgeschichte tauchen weibliche Täterinnen auch in der Filmgeschichte zunächst vor allem als „schwarze Witwen“, Kindsmörderinnen und Giftmischerinnen auf (Peter Elfelts Henrettelsen, Dänemark 1903, und Joe Mays Hilde Warren und der Tod, Deutschland 1917, über Kindsmörderinnen). Daneben spielen Habgier und Eifersucht, aber auch Notwehr nach sexueller Bedrängung (Victor Sjöströms The Wind, USA 1928, oder Alfred Hitchcocks Blackmail, Großbritannien 1929) als Motive eine Rolle. Sexuell motivierte Morde oder gar Serienmorde von Frauen sind seltener, jedoch ab den 1930er Jahren (Victor Halperins Supernatural, USA 1930) ebenso zu finden. Basieren Filme mit weiblichen Serien-Mördern auf kriminalhistorischen Fällen, so kommt es auch vor, dass die Sujets ins Komische verschoben werden (Frank Capras Arsenic and Old Lace, USA 1944, der auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Joseph Kesselring aus dem Jahre 1941 basiert, das wahrscheinlich den authentischen Fall der Wardlow-Schwestern adaptiert, die 1909 als „schwarze Witwen“ berüchtigt wurden).
Im modernen Film werden weibliche Täterinnen deutlicher pathologisiert und ausgehend von Edward Dmytryks The Sniper (USA 1954) und Hitchcocks Psycho (USA 1960) oft als Motivatorinnen für männliche Täter ins Feld geführt. Dies scheint mit der zunehmenden Popularisierung der Psychoanalyse und Kenntnis von Freuds Konzept des „Ödipus-Komplexes“ einherzugehen. Berüchtigte Fälle weiblicher (Mit-)Täterschaft avancieren ab den 1960er Jahren zu Filmerfolgen: Arthur Penns Bonnie and Clyde (USA 1967, basierend auf dem Parker/Barrow-Fall von 1932-34), Leonard Kastles Honeymoon Killers (1970) und aus jüngerer Zeit Oliver Stones Natural Born Killers (USA 1994, basierend auf dem Starkweather/Fugate-Fall von 1957/58). Fälle wie der der Serienmörderin Aileen Wuornos (verhaftet 1991) werden schnell filmisch aufgegriffen (Peter Levins TV-Film Overkill – The Ailee Wuornos Story, USA 1992) und erhalten teilweise große öffentliche Aufmerksamkeit (Patty Jenkins’ Monster, der zweite Wuornos-Film von 2003, wird u.a. mit dem „Oscar“ für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet).

Literatur: Siebenpfeiffer, Hania: Böse Lust. Köln [...]: Böhlau 2005. – Peitz, Christiane: Marilyns starke Schwestern. Frauenbilder im Gegenwartskino. Hamburg: Klein 1995. – Doane, Mary Ann: Femmes Fatales. Feminism, Film Theory, Psychoanalysis. New York/London: Routledge 1991.


Artikel zuletzt geändert am 18.07.2011


Verfasser: SH


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