Lexikon der Filmbegriffe

Cannes

eigentlich: Festival International du Film de Cannes

Ein Gegenfestival gegen Venedig, das man von faschistischen Interessen beherrscht empfand und das vor allem dem Prestige der nationalen Filmindustrien aus Italien und Deutschland zuarbeitete, wurde seit Mitte der 1930er Jahre von einer Gruppe von Regisseuren und Filmkritikern, zu denen aber auch der Kulturminister Jean Zay gehörte, betrieben. Im Wettbewerb des Jahres 1938 galt Jean Renoirs La Grande Illusion als hoher Kandidat für den Goldenen Löwen in Venedig, dem damals einzigen größeren Filmfestival; den Preis aber erhielten Riefenstahls Olympiafilm und die italienische Produktion Luciano Serra, Pilota, bei der Mussolinis Sohn Regie geführt hatte. Damit wurde das Gegenfestival spruchreif.
Philippe Erlanger, der Leiter der französischen Künstlergewerkschaft Action Artistique Française, Robert Favre Le Bret, der später fast 50 Jahre in der Leitung der Festspiele mitarbeiten sollte, und Louis Lumière, noch lebender Begründer des Kinos, setzten sich erfolgreich bei der französischen Regierung ein. Cannes konnte sich als Austragungsort gegen Biarritz durchsetzen. Doch zur Eröffnung der ersten Festspiele am 1.9.1939 kam es nicht, der Kriegsausbruch verhinderte es. Erst am 20.9.1946 erfolgte die Eröffnung; neben den Wettbewerbsfilmen liefen bereits einige andere Filme außer Konkurrenz. Das neugegründete Centre Nationale Cinématographique übernahm 1948 die Koordination der einzelnen nationalen Vertretungen, obwohl das Festival in diesem Jahr (und 1950 noch einmal) aus Finanzproblemen gar nicht stattfand. Die Stadt Cannes übergab 1949 das Palais Croisette an das Festival, das dort 34 Jahre lang stattfand; Ende 1982 wurde das neue Palais des Festivals eingeweiht, in dem das Filmfest bis heute stattfindet. 1955 wurde als Auszeichnung nicht mehr der Grand Prix International, sondern die „Goldene Palme“ (Palme d'Or) verliehen; der Grand Prix wurde nur wenige Male verliehen; als Preis waren Gemälde von Marquet, Humblot, Cavaillès oder Klein vergeben worden. Die Palme wurde auf Anregung der Juwelier-Designerin Suzanne Lazon nach einem Entwurf von Jean Cocteau konzipiert. 1961 wurde das Publikumsfestival um eine eigene Markt-Sektion erweitert, in den 1970ern kamen andere Sektionen hinzu. 1959 erhielt Truffauts Les quatre-cent coups die Goldene Palme – ein Zeichen war gesetzt: Bis in die 1990er Jahre hinein blieb Cannes ein Ort, der künstlerisch und politisch anspruchsvolle Independent-Filme ernst nahm (1993 z.B. wurde Jane Campions Film The Piano, 2002 Polanskis The Pianist ausgezeichnet) und der sich weitestgehend von der Macht der Hollywood-Konzerne freihielt. Zum 50. Jahrestag erhielt Ingmar Bergman eine Palme des Palmes. Jährlich werden mehr als 2.000 Filme eingereicht; im Wettbewerb laufen ca. 55 (neben ca. 40 Kurzfilmen), in allen Sektionen zusammen ca. 800 Filme: Cannes ist eines der größten Filmfestivals der Welt. 


Artikel zuletzt geändert am 02.08.2011


Verfasser: JH


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