Lexikon der Filmbegriffe

Onkel und Tanten im Film

(1) Verwandtschaftliche Beziehungen treten in vielen Filmen auf, die in Familienverbänden spielen. Onkel und Tanten, Neffen und Nichten, verschwiegerte Verwandte sind dabei oft Nebenfiguren, die das soziale Klima einer Familie, funktionierende oder zerstörerische Bindungen und ähnlich illustrieren. Manchmal auch kommt es ihnen zu, die Rolle und Verantwortung von Eltern zu übernehmen und dann oft auf eigenes Glück zu verzichten (wie in Auntie Mame, 1958, Morton DaCosta, in dem eine extravagante Tante die verwaisten Neffen erzieht, in Mar adentro, 2004, Alejandro Amenábar, in dem die Schwägerin für mehr als 25 Jahre die Pflege des gelähmten Schwagers übernimmt, oder in La Tia Tula, 1964, Miguel Picazo, in dem eine Tante die Kinder der toten Schwester betreut, den Antrag des Schwagers aber ablehnt, obwohl sie ihn liebt). Derartige Geschichten zeigen die Geltung und Verbindlichkeit familiärer Bindungen, aber auch deren repressive und möglicherweise zerstörerische Kraft. (HHM)


(2) Gelegentlich treten Onkel und Tanten als Figuren im engeren Sinne auf. Sie zählen zwar zu den Verwandten, aber aufgrund ihrer Charakteristiken stören sie den sozialen Alltag im negativen oder positiven Sinne – diese Onkel und Tanten sind reich und/oder exzentrisch (wie in Tatis Mon Oncle, 1958), politisch-subversiv und/oder nur bösartig (wie noch in Tatie Danielle, 1990, Etienne Chatiliez). Gelegentlich stellen sie die Verwandten auf die Probe, nachdem sie selbst von diesen sanktioniert wurden (Das Haus in Montevideo, 1951, Curt Goeth, Valerie von Martens; Remake 1963, Helmut Käutner). Das Doppel von Verwandtschaft und Irritation kennzeichnet einen kleinbürgerlichen Beziehungskern, der das Motiv als Operetten-Stoff qualifiziert (Der Vetter aus Dingsda). Die Operetten-Tradition ist spürbar in Filmen wie z.B. Tante Wanda aus Uganda (1957, Geza von Cziffra), in dem der Erbtante – die alles durchschaut - Kinder vorgegaukelt werden müssen. Es ist vor allem Besitz, der die Beziehungen bestimmt und der das Besitzen-Wollen als primäre familiäre Bindung erscheinen lässt. Manchmal richtet sich sogar die Mordlust der Erben auf den Erbonkel (wie in How to Murder a Rich Uncle, 1957, Nigel Patrick). In Der Onkel aus Amerika (1931, 1952, beide: Carl Boese) genügt das Gerücht, dass der amerikanische Erbonkel reich sei, um die Banken zu einem riesigen Geschäft zu bewegen. Die Filme dieses Motivkreises leben von der Differenz der Lebensformen oder des Reichtums im Feld der Verwandtschaft. Wie der nahe Verwandte dennoch in dieser Verschiedenheit Affekte der Haupt-Figuren mobilisiert (Gier oder Neid, Abwehr der Auffälligkeit oder Angst vor ihr), macht den Motor dieser Geschichten aus und demaskiert oft genug die „normalen Verwandten“. Auch die Umkehrung findet sich, die Begegnung der Verwandten führt zu positiver Entwicklung (wie der „kleine Lord“ in Little Lord Fauntleroy, 1936, John Cromwell, Remake 1980, Jack Gold, den geizigen und menschenverachtenden Großvater in einen gütigen Mann verwandelt). 


Artikel zuletzt geändert am 19.07.2011


Verfasser: JH


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