Lexikon der Filmbegriffe

Paradox des Schauspielers

Das Paradoxon des Stars entwickelt sich aus dem Paradox des Schauspielers, der, wie schon Diderot bemerkte, selbst auf der Ambivalenz von Schein und Sein aufbaut (1774). Je perfekter ein Schauspieler spielt und etwas anderes verkörpert als das, was er ist, umso mehr erweckt er danach den Eindruck der ungestellten Natur, der ‚Echtheit’ und ‚Authentizität‘. Das ‚Als-ob‘ des Spiels wird für den Zuschauer zu einer erlebten Realität. Diderot folgend, ist diese Verschiebung der Authentizität der Person hin zu den Figuren, durch die sie greifbar wird, nicht auf Identifikation und tatsächliche Empfindsamkeit für die Figuren gegründet, sondern paradoxerweise darauf, dass die Distanz zu den Figuren vergrößert wird und die gezeigte Emotion durch Imitation der Ausdrucksgesten der Emotion zustandekommt. Das Paradox des Schauspielers besteht nach Diderot aus mehreren Teilparadoxa: (1) Das Paradox der Natürlichkeit besteht darin, dass der Eindruck von Spontaneität und Authentizität erst durch kaltblütige Strategie entsteht. (2) Wie eine Maschine muss der Schauspieler die natürlichen Anzeichen einer Gemütsbewegung reproduzieren, ohne innere persönliche Beteiligung, will er das Publikum bewegen; der Scharfblick des Schauspielers ist gefordert, nicht seine Empfindsamkeit. Erst wenn der Schauspieler nicht selbst gerührt ist, vermag er zu rühren (Parodox der Rührung). (3) Und schließlich gelingt das Auslösen wahrer Rührung erst dann, wenn man es nicht darauf anlegt, Wirkung zu erzielen (Paradox der Wirkung).

Literatur: Diderot, Denis: Das Paradox über den Schauspieler. In: Französisches Theater der Vergangenheit. München/Leipzig: Piper 1906. Andere Ausg.: Frankfurt: Insel 1964. Andere Ausg. in: Ästhetische Schriften. Hrsg. v. Friedrich Bassenge. Berlin: Das europäische Buch 1984, S. 481-538. Andere Ausg.: Berlin: Staatl. Schauspielbühnen 1986. Andere Ausg. Wädenswil: Stutz 1981. Geschrieben frz. 1774; zuerst ersch. 1830.
 

Referenzen:

Divenfilm


Artikel zuletzt geändert am 09.03.2014


Verfasser: HJW


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