Lexikon der Filmbegriffe

Völkerschau

Die Völkerschau, die Exotik als Ausstellungsgegenstand anbietet, entsteht im 17. und 18. Jahrhundert, wird aber erst im 19. wirklich populär. Sie bietet ein „lebendiges Bild“ der Kolonien. 60 Schauen sind nachweisbar, die bekanntesten hat Hagenbeck in Hamburg veranstaltet. Oft waren völkerkundliche Museen die Kooperanden der Schauen.
Sie basieren ausnahmslos auf dem Ausstellungprinzip, präsentieren das Leben in den Kolonien in Szenen. Wichtige Grundlage ist die Dramatisierung der Erfahrung der Fremde durch den Reisebericht – es ist auch in der Völkerschau die Perspektive des Europäers, die strikt durchgehalten ist, und es ist eine einfache Spannungsdramaturgie, die sich in Szenenbezeichnungen wie „banger Augenblick“, „Überfall“ und ähnlichem wiederfindet. Dramatisierung ist eine synthetische Verdichtung – das, was fremd erscheint, wird als Exotisch-Fremdes und Bedrohliches zugleich theatralisiert. Die Dramatisierungsformen der Völkerschauen werden im Abenteuerfilm aufgenommen und weiterentwickelt. 

Literatur: Oettermann, Stephan: Fremde. Der. Die. Das. „Völkerschauen“ und ihre Vorläufer. In: Viel Vergnügen. Öffentliche Lustbarkeiten im Ruhrgebiet der Jahrhundertwende. Hrsg. v. Lisa Kosok u. Mathilde Jamin. Essen: Peter Pomp 1992, S. 80-105. Zuerst in: Gegenstände der Fremdheit. Museale Grenzgänge. Hrsg. v. Hans-Hermann Groppe u. Frank Jürgensen. Marburg: Jonas 1989, S. 41-57. – Thode-Arora, Hilke: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Frankfurt: Campus 1989. – Thode-Arora, Hilke: Herbeigeholte Ferne. Völkerschauen als Vorläufer exotisierender Abenteuerfilme. In: Triviale Tropen. Exotische Reise- und Abenteuerfilme aus Deutschland 1919-1939. Red.: Jörg Schöning. München: Text + Kritik 1997, S. 19-33.


Artikel zuletzt geändert am 16.07.2011


Verfasser: HJW


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