Lexikon der Filmbegriffe

Antikriegsfilm

Sammelbezeichnung für Filme, die üblicherweise dem Genre des Kriegsfilms zugerechnet werden. Im Unterschied etwa zu Filmen mit signifikant propagandistischer Mobilisierungsabsicht (wie z.B. der Why We Fight-Reihe, USA 1943-45) oder vornehmlich unterhaltender Funktion (z.B. Pearl Harbor, USA 2001) sind sogenannte Antikriegsfilme als Kritik am Krieg verstanden worden. Antikriegsfilme entstehen zeitgleich mit den ersten Kriegsfilmen (z.B. Nieder mit den Waffen, 1916; Verflucht sei der Krieg, 1916) und haben erheblichen Anteil an der Produktion von Sinn- und Schlüsselbildern des kollektiven Kriegsgedächtnisses. Insofern teilen freilich Antikriegsfilme mit herkömmlichen Kriegsfilmen das Problem zunehmender medialer Überformung kultureller Überzeugungen in Bezug auf ‚Krieg‘. Historisch betrachtet beruht die Zuschreibung als Antikriegsfilm auf der Fähigkeit von Filmen zur nachhaltigen Irritation und Polarisierung der öffentlichen Meinung, zumeist (aber nicht notwendig) mit unmittelbarem Bezug auf einen konkreten historischen Krieg.


In der Regel entfalten Antikriegsfilme ihr politisierendes Potenzial mit Hilfe verfremdend-stilisierender Darstellungsmodi, oft in der Form filmischen excess’ (i.S.v. Kristin Thompson). Neben offen appellierenden Anklagen wie z.B. in J’accuse (1919) finden sich überwiegend Überzeichnungen von Gewaltdarstellungen wie z.B. das industrialisierte Töten in All Quiet on the Western Front (USA 1930), die naturalistische Inszenierung von Kriegsgräueln in Idi I Smotri (UdSSR 1985) oder die Zeitlupenästhetik von Erschießungssequenzen in Full Metal Jacket (USA 1987).


Im Unterschied zu anderen Modi des Kriegsfilms entfalten Antikriegsfilme ihre Wirkmächtigkeit in der narrativen Konstruktion der paradoxen Konfiguration des Krieges, d.h. im Spannungsverhältnis vom Sujet kriegerischer Sinnzerstörung und narrativer Sinnproduktion. Neben dem filmischen excess bzw. der Überzeichnung realistischer Formentraditionen haben sich filmhistorisch insbesondere Modi des Komischen (z.B. Shoulder Arms, USA 1918; Duck Soup, USA 1933, Dr. Strangelove, Großbritannien 1964) und Selbstreflexiven (Les Carabiniers, Frankreich 1965; Starship Troopers, USA 1997) als funktional äquivalente filmische Verfahren des Antikriegsfilms erweisen. Die hier skizzierten historischen Verdichtungsformen des Antikriegsfilms stehen andererseits keineswegs in einem Ausschlussverhältnis, sondern generieren häufig Mischformen.


In Anbetracht der doppelten Verweisstruktur des Antikriegsfilms (1) auf das filmische Arrangement und (2) die in der öffentlichen Auseinandersetzung geprägte Zuschreibung scheint es sinnvoll, Antikriegsfilm im Sinne Roger Odins als Bezeichnung für die dynamisch sich wandelnde, filmhistorische Institution zum Zweck der kritischen Vermittlung der paradoxen Konfiguration des Krieges zu modellieren mit der Funktion, die Kritik am Krieg in der Vermittlung von (kriegerischer) Sinnzerstörung und (narrativer) Sinnproduktion als widersinnige filmische Form zu verdichten.

Literatur: Chapier, Henri: Pour un cinéma de combat. [Paris]: le Passage 2003. – Donald, Ralph R.: Anti-war Themes in Narrative War Films: Soldiers' Experiences As Social Comment. In: Studies in Popular Culture 13,2, 1991, S. 77-92. – Hickethier, Knut: Krieg im Film – nicht nur ein Genre. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 75, 1989, S. 39-53. - Gerhard Paul: Bilder des Krieges – Krieg der Bilder: die Visualisierung des modernen Krieges. Paderborn [...]: Schöningh 2004. – Rauhut, Franz / Stock, Walter / Förster, Georg: Filme gegen Krieg. Gerolzhofen: Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendfilmarbeit in Bayern 1981. – Schmidt, Georg Joachim: Die Stunde der Wahrheit für die Welt. Zum Problem des Antikriegsfilms. In: Christian Büttner [...]: Der Krieg in den Medien. Frankfurt: Campus 2004. S. 111-128.
 

Referenzen:

court-martial drama

Kriegssatire I

Kriegssatire II

Pazifismus im Film

Veteranen


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: BR


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