Lexikon der Filmbegriffe

Bahnhöfe im Film

Der Bahnhof wurde im 19. Jahrhundert schnell zu einem Bautypus, in dem sich sozialer und kultureller Zeitgeist konzentrierte; Mobilität, Dynamisierung der sozialen Gruppen, Konfrontation von Armut und Reichtum, Aufbruchsstimmung, Verzweiflung – der Bahnhof wurde zum Symbol und Verdichtungsraum von Modernität, Urbanität und Mobilität. Bahnhöfe wurden als „Kathedralen der Moderne“ verherrlicht (wie z.B. in Brian de Palmas The Untouchables, USA 1987) oder als „Stätte der Hässlichkeit“ verdammt. Sie erschienen als in sich geschlossene Kosmen (wie in Jiri Menzels Ostre sledované vlaky / DDR-Titel: Scharf beobachtete Züge; BRD-Titel: Liebe nach Fahrplan, 1966, oder aber in der U-Bahn-Geschichte Kontroll, Ungarn 2003, Nimród Antal), boten eine eigene Lebenswelt, in der man namenlos ein- und abtauchen, anonym verschwinden konnte. Als „Biotop des Verbrechens“ bot er sich als Umschlagplatz des Verbrechens (man denke an Union Station, USA 1950, Rudolph Maté), als Ort des Drogenhandels und der Prostitution an (Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo; BRD 1981, Ulrich Edel). Er war Schauplatz großer und kleiner Schicksale; Abschieds-, Trennungs- und Wiedersehensszenen gehören zum Grundbestand der Bahnhofsinszenierung: Bahnhöfe sind Ausgangspunkt für Flüchtende, Endstation für Zurückkehrende. Verschiedene Genres kontextualisieren Bahnhöfe verschieden – die Verschickung jüdischer Häftlinge in die KZs gehört zu den Schlüsselszenarien, die an Bahnhöfen spielen, wogegen Bahnhöfe im Western die Ankunft der Zivilisation verkörpern. Die Wartehallen wurden als Globalbilder der Entwurzelung und Heimatlosigkeit (wie in Central Station, Brasilien/Frankreich 1998, Walter Salles, Jr.), als Sinnbilder der Ernüchterung, als Orte der Melancholie (Stazione Termini, Italien 1953, Vittorio de Sica), der Verlassenheit und der Einsamkeit, aber auch als Räume der Hoffnung, Sehnsucht und Verheißung wahrgenommen. Dokumentarfilme wie Rangierer (DDR 1984, Jürgen Böttcher) inszenierten Bahnhöfe als Symbole der Entfremdung, andere wie Bahnhof Brest (BRD 1994, Gerd Kroske) dagegen als Orte zwischen Erster und Dritter Welt, zwischen Armut und Reichtum und zwischen Hoffnung und Resignation.
 

Referenzen:

Eisenbahn im Film


Artikel zuletzt geändert am 16.07.2011


Verfasser: HHM


Zurück