Lexikon der Filmbegriffe

Pre-Code Hollywood

Von Beginn der amerikanischen Filmgeschichte an gab es eine mitunter heftige Debatte darüber, welche Rolle der Film in der Verbreitung und Stabilisierung sozialer und moralischer Werte spielen sollte. In den späten 1920er Jahren verschärfte sich die staatliche, aber auch die lokale Regulation des Kinobetriebs, das Modell der Prohibition griff auf andere Bereiche des Kulturbetriebs über. Einige Skandale verschärften die Stimmung gegen das als libertinär geltende Hollywood, das seine Autonomie ausschließlich dazu verwendete, Profite zu maximieren. Der Motion Picture Production Code aus dem Jahre 1930 griff einer äußeren Regulierung vor und definierte eine ganze Reihe von Maßnahmen der Selbstkontrolle, trat 1934 tatsächlich in Kraft, als alle Filme ein Zertifikat der Production Code Administration haben mussten. Er wurde erst 1967 wieder aufgehoben.
In der Filmgeschichtsschreibung ist oft die These vertreten worden, dass die Tonfilme Hollywoods vor Inkrafttreten des Codes nicht nur provokativer, sondern auch künstlerisch ambitionierter gewesen seien, eine größere Vielfalt an Stilen und Themen entfaltet habe. Dazu rechnen Filme wie Baby Face (1933, Alfred E. Green) – über die rücksichtslose Karriere, die eine junge Frau aus der Provinz in der Geschäftswelt macht –, The Story of Temple Drake (1933, Stephen Roberts) – der auf William Faulkners Skandalroman „Sanctuary“ basierenden Geschichte einer jungen Frau, die während einer Entführung vergewaltigt wird, im späteren Gerichtsverfahren aber bekennt, sie habe sich dabei befriedigt gefühlt – und Common Clay (1930, Victor Fleming) über eine junge Frau, die sich über ihre Vergangenheit hinwegsetzt und dabei zu einer selbstbewussten Vertreterin ihrer Interessen heranreift. Insbesondere diese Frauenrollen erregten öffentliches Ärgernis, verstärkt durch Stars wie Mae West, die bei aller Vulgarität und Anzüglichkeit als „lower class star“ äußerst populär war. Aber auch Genres wie der frühe Gangsterfilm, der den Gangster als tragischen Helden etablierte und eine höchst ambivalente moralische Beziehung zur Gangsterfigur ausdrückte, zogen massive Kritik der kleinbürgerlichen Bevölkerung auf sich, was 1934 zum schließlichen Inkrafttreten des Codes führte.

Literatur: Prima del codici. 2. Alle porte di Hays. / Before the codes. 2. The gateway to Hays. Venezia: Ed. Biennale / Fabbri Ed. 1991 (Retrospettiva. 48. Mostra Internazionale d‘Arte Cinematografica.).

Referenzen:

Hays-Code: Gründung

Hays-Code: Praxis und Ende

Production Code


Artikel zuletzt geändert am 10.02.2012


Verfasser: HHM


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