Lexikon der Filmbegriffe

Arztfilm

Der Arztfilm ist ein kleines Genre des westdeutschen Films der 1950er Jahre. Die Filme transportieren nahezu stereotyp Anleitungen zum ‚richtigen’ Verhalten in einer Zeit, die durch materielle Not und den „Sturz in ein seelisches Vakuum“ gekennzeichnet war. Sie spiegeln Alltagserfahrungen, vertraute Konflikte (Organisation des täglichen Überlebens, Existenzängste, moralische Fragen, Aufkommen des Begriffs des ‚Leistungsdenkens’, Umgang mit dem beginnenden deutschen Wirtschaftswunder, starker Bedarf nach privatem Glück) und reflektieren Ängste, Leiden und Beklemmungen dieser Zeit. Die Ärzte des Genres befinden sich immer in einem moralischen oder ethischen Konflikt (ärztlicher Ethos/Gewissenskonflikt, oftmals auch eine erotische Gefährdung), entscheiden sich letztendlich aber natürlich selbstlos. Sie sind durchweg Beispiele vorbildlichen Verhaltens und vermitteln zentrale bürgerliche Werte (einschließlich einer rigiden Ordnung der Geschlechterrollen). Gemein ist fast allen Ärzten des Genres, dass Medizin weniger als Wissenschaft verstanden wird denn als Lebensaufgabe (Berufung statt Beruf). Der Arzt ist sowohl für das körperliche wie auch für das seelische Heil zuständig: Er muss Verlusterfahrungen und Ängste behandeln, die nicht im medizinischen Bereich begründet sind (und gibt sich oft sogar selbst als ‚Seelendoktor’ aus).
Arztfilme dieser Zeit lassen sich grob in zwei Klassen einteilen: (1) die der Ärzte jüngeren oder mittleren Alters, die sich ihre Position in der Gesellschaft erst noch erkämpfen müssen (z.B. Die Ehe des Dr. med. Danwitz, 1956, Die große Versuchung, 1952) und die als ‚Spielball der Geschichte’ erscheinen; anhand des Protagonisten wird exemplifiziert, dass es möglich ist, sich mit den herrschenden Verhältnissen zu arrangieren, bleibt man immer auf dem ‚Pfad der Tugend’; die Moral von der Geschichte besagt immer wieder, dass es bei allen Widrigkeiten des Lebens doch etwas gibt, wofür es sich zu leben lohnt: Lebensmut kann vor allem durch die Erfüllung privaten Glücks erreicht werden, Identität und Geborgenheit sind auch jenseits materieller Befriedigungen in Ehe und Familie zu finden, die sicheren Halt geben.(2) die der Professoren, die jeweils den Rang einer autoritären, omniszienten und treusorgenden Vaterfigur einnehmen (z.B. Frauenarzt Dr. Prätorius, 1949/50, Sauerbruch - das war mein Leben, 1954) und die als ‚Halbgötter in Weiß’ charakterisiert sind; das Verhalten dieser Ärzte dient als eine Art ‚moralisierender Leitfaden’, anhand derer vorgeführt wird, dass auch gesellschaftlich Höhergestellte mit alltäglichen Problemen zu kämpfen haben und ihre Erfüllung im Dienst am Patienten finden.

Literatur: Reuter, Martin: Ärzte im Bundesdeutschen [!] Spielfilm der Fünfziger [!] Jahre. Alfeld: Coppi 1997. – Seidl, Claudius: Nachts, wenn der Doktor kam. Der Arztfilm. In seinem: Der deutsche Film der fünfziger Jahre. München: Heyne 1987, S. 103-121.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: AG


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