Lexikon der Filmbegriffe

counter cinema

auch: counter-cinema; dt. oft als: Gegenkino, oppositionelles Kino

Formen des Gegenkinos finden sich in Experimental-, Aventgarde- und Kunstkino. Zuallererst geht es darum, Erzähl- und Repräsentationsweisen zu finden, die die konventionellen Codes und Konventionen unterlaufen, ihnen ein anderes Verfahren der Weltdarstellung und -interpretation entgegenzusetzen, sie zu verfremden und zu dekonstruieren. Gerade die experimentellen Formen setzen auf Materialerkundung und formales Experiment; sie stören zeitliche und räumliche Kontinuität, geben die Einheitlichkeit und Kontinuität des Setting auf, setzen eher auf rhythmische Prinzipien der Folge aus solche der (narrativen oder psychologischen) Kausalität. Oft geht es darum, den Illusionismus des normalen Kinos durchsichtig zu machen, manchmal gar, ihn aufzugeben.
Der Terminus counter cinema entstand in den 1970er Jahren, obwohl die formalen Experimente bis in die 1920er Jahre zurückreichen. Hier war der Fluchtpunkt die Dominanz der Hollywood-Industrie, deren System von Repräsentationen, dargestellten sozialen Beziehungen und formelhaften Geschichten als ein symbolischer Unterdrückungsapparat angesehen wurde, der ästhetisch und ideologisch radikal in Frage zu stellen sei. Filme des Gegenkino versuchen darum, hegemoniale Praxen des kommerziellen Films auszustellen und anzuprangern (etwa die Darstellung der Frau als Objekt eines „männlichen“ Blicks im feministisch motivierten Kino) und andere Formen der (künstlerischen und sozialen) Subjektivität zu erproben. Nach einem Wort Godards geht es darum, die Realität der Illusion klarzustellen, nicht die Illusionierung des Realen. Als Beispiel gilt immer noch die Arbeit der „Groupe Dziga Vertov“ (z.B. Vent d‘Est, 1972). 

Literatur: Johnston, Claire: Women‘s cinema as counter-cinema. In: Movies and methods. Ed. by Bill Nichols. Berkeley [...]: University of California Press 1976, S. 208-217. – Wollen, Peter: Readings and writings. Semiotic counter-strategies. London: Verso 1982.
 

Referenzen:

Guerillakino


Artikel zuletzt geändert am 19.01.2012


Verfasser: HJW


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