Lexikon der Filmbegriffe

Ideologiekritik

von griech.: idea = idealer Prototypus, auch: Form, idealisierte Erscheinung, und von griech: logos = Wort

Als Ideologiekritik bezeichnet man ein Modell der Gesellschafts- und später auch Textanalyse, das Texte auf ihre expliziten und vor allem impliziten Annahmen über soziale Machtverhältnisse, Strategien ihrer Verbergung oder Maskierung, ihre für ontologisch erklärten Tiefenannahmen der Realität (resp. der diegetischen Realitäten der Texte), aber auch auf die Beschreibungen politisch-sozialer Gruppen und der historischen Entwicklung gesellschaftlicher Konflikte und Konfliktstrukturen hin untersucht. Das Modell entstand im Gefolge der von Karl Marx und Friedrich Engels vor allem in ihrer Deutschen Ideologie (1846-47) entwickelten Auffassung von ‚Ideologie‘ als einer Reihe von falschen, der (ökonomischen) Realität nicht entsprechenden Bewusstseinsformen, die die Individuen über sich und ihre Lebensverhältnisse täuschen (resp. diese verschleiern), damit von den eigentlichen Interessenkonflikten der gesellschaftlichen Teilkräfte ‚Kapital‘ (= herrschende Klasse derjenigen, die die Produktivmittel kontrollieren) und ‚Arbeit‘ (= diejenigen, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, um einen Mehrwert zu erzeugen, der der herrschenden Klasse zugutekommt) ablenken und faktisch die Macht der herrschenden Klasse stützen. Es sei die Aufgabe der ‚Ideologiekritik‘, diesen Zusammenhang zu durchschauen und ihn anzuprangern. Ideologiekritische Analyse steht damit immer in einem historischen Zusammenhang der Aufklärung und der Emanzipierung der unterdrückten Massen.


Das Konzept der ‚Ideologiekritik‘ wurde im 20. Jahrhundert von einer ganzen Reihe linker Kultur- und Literaturwissenschaftler aufgegriffen. In Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Dialektik der Aufklärung (1945) wurde ‚Ideologie‘ in Zusammenhang mit der Kulturindustrie gebracht und als ‚Verbendungszusammenhang‘ bezeichnet, die Textproduktion insbesondere der Massenmedien so in einen intimen Zusammenhang mit der Herstellung falschen Bewusstseins bringend. Motive, Genres und Darstellungs-/Erzählformen wurden so als Institutionalisierungsformen des Ideologischen fassbar, die Größe der im Text oft nur implizit artikulierten Machtverhältnisse, ihrer Begründungen und Widersprüche zu einem primären Gegenstand der Beschreibung.


Seitdem Kracauer in den 1920ern und 1930ern den Blick auf Film als „Spiegel der bestehenden Gesellschaft“ popularisiert und das Verfahren einer ‚soziologischen Filmkritik‘ eingefordert hatte, stand Ideologiekritik als sich von vornherein politisch verstehende, kritische Beschäftigung mit Texten in ihrem historisch-sozialen Zusammenhang gegen eine oft nur affirmativ-hermeneutische Herangehensweise und gegen eine sich nur für formale poetische Strukturen von Kunstwerken interessierende Auffassung von Textwissenschaft. Auch wenn allzu platte Anwendungen marxistischer Gesellschaftsanalyse auf den Film sich schnell als mechanische, den besonderen formalen Qualitäten der Filme gegenüber unsensible oder sogar blinde Technik der Analyse herausstellte und sich so von innen her disqualifizierten, spielen in der Filmwissenschaft methodologische Grundüberlegungen der Ideologiekritik in mehreren Bereichen weiterhin eine wichtige Rolle – in den ‚Cultural Studies‘, die Filme an die symbolischen Wissenshorizonte ihrer jeweiligen historischen Kontexte und ihrer Zuschauer sowie an die Praktiken und Strategien ihrer Aneignung zurückzubinden suchen, in den ‚Gender Studies‘, die die Rolle des Unterschiede-Machens in der Herstellung von Macht-Beziehungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen als Kernstrategie der Produktion von Unterdrückung herauszuarbeiten suchen, oder aber in den ‚Queer Studies‘, die sich gegen die Ignoranz traditioneller Gesellschaftstheorien gegenüber den Kategorien ‚Sexualität‘ und ‚Geschlecht‘ zu stellen versuchen. Auch die Kritik, die zu den Arbeiten zu einer historischen Poetik des Hollywood-Kinos, wie sie aus dem Kreis um David Bordwell entstanden sind, geäußert wurde, klagt das Absehen der Analyse von den historischen, sozialen und ideologischen Kontexten der Filme als fundamentalen Mangel des Neo-Formalismus ein.

Literatur: Eagleton, Terry: Ideologie. Eine Einführung. Stuttgart [...]: Metzler 1993. – Hauck, Gerhard: Einführung in die Ideologiekritik. Bürgerliches Bewußtsein in Klassik, Moderne und Postmoderne. Hamburg: Argument-Vlg. 1992 (Argument-Sonderband. 209.). – Zima, Peter V. (Hrsg.): Textsemiotik als Ideologiekritik. Frankfurt: Suhrkamp 1977 (Edition Suhrkamp. 796.). – Kellner, Douglas: Media culture, politics and ideology. From Reagan to Rambo. In seinem: Media Culture. London/New York: Routledge 1995, S. 55-92. – Nichols, Bill: Form Wars. The Political Unconscious of Formalist Theory. In: South Atlantic Quarterly 88,2, 1989, S. 487-515.

Referenzen:

escape film – message film


Artikel zuletzt geändert am 19.01.2012


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