Lexikon der Filmbegriffe

Institutionalisierung

Eine „Institution“ ist im traditionellen Sinne eine tradierte oder konstituierte soziale Einrichtung mit bestimmten Zwecken. Man unterscheidet drei verschiedene, miteinander verbundene und verflochtene Dimensionen dieses historisch-sozial-semiotischen Prozesses: (1) Institutionalisierungen des Feldes der Kino-Praxis (oder des „literarischen Lebens“, wie es in der Literatursoziologie meist heißt); (2) die Verfestigung von historischen Genres als formelhaften symbolischen Mustern; (3) die Verallgemeinerung eines Feldes symbolischer Praxis als allgemeine Institution „Kino“ (entsprechend der „Institution Literatur“) als eines Verfahrens der gesellschaftlichen Sinngebung, der Reflexion gesellschaftlicher Praxis oder ihrer Funktionalisierung in Prozessen des Lernens, der individuellen Sozialisation oder auch der Regulation des psychischen Haushalts einzelner. In der soziologischen Theorie der Institutionalisierung bezeichnen Institutionen historisch relativ stabile Verfestigungen eingewöhnter Typisierungen, gelegentlich auch Einrichtungen, die erst zur Eingewöhnung dienen sollen.
Als Ansatz der Filmsoziologie oder auch der Historiographie des Kinos ist das Institutionalisierungskonzept bis heute wenig angewendet worden. Am Beispiel des Kinderkinos: Institutionalisierungen sind hier Versuche der Verstetigung von ursprünglich pädagogischen Anliegen, der Sicherung gegen allzu leichten Abbau von Produktionsbudgets, des Manifestwerdens von politisch und pädagogisch gewollter Praxis. Man kann – ohne Anspruch auf systematische Herleitung – unterscheiden: (1) Institutionen der Produktion (eigene Produktionsfirmen oder -abteilungen, thematisch gebundene Etats, spezielle Förderungen etc.); (2) Institutionen der Distribution (eigene Vertriebe und Verleihe; Bereitstellung von Korpora; Unterstützung spezialisierter Angebote); (3) Institutionen der Rezeption (eigene Orte der Aufführung, Sektionen der Aufführung, Organisationen der Kritik und Empfehlung, Integration von Film in weitere Kinder- und Jugendarbeit); (4) Institutionen der Öffentlichkeitsarbeit (Festivals, Zeitschriften, Newsletter; trade shows). Nicht immer sind Verfestigungen auch rechtlich oder politisch verfasst; so ist z.B. die Tatsache, dass über viele Jahre Nachmittagsvorstellungen Kinderfilm-Vorstellungen gewesen sind, eine Programmierungs-Konvention der Kinos gewesen; eine rechtliche Regulierung für diesen Usus hat es nie gegeben, ebensowenig rechts-relevant wie die Genre-Konventionen des Kinderfilms.

Literatur: Bürger, Peter: Institution Kunst als literatursoziologische Kategorie. In: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 1, 1977, S. 50-76. – Pabst, Manfred: Institution. In: Handbuch Soziologie. Zur Theorie und Praxis sozialer Beziehungen. Hrsg. v. Harald Kerber u. Arnold Schmieder. Reinbek: Rowohlt 1984, S. 255-262. – Sanders, Hans: Institution Literatur und Roman. Zur Rekonstruktion der Literatursoziologie. Frankfurt: Suhrkamp 1981.


Artikel zuletzt geändert am 15.07.2011


Verfasser: HJW


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