Lexikon der Filmbegriffe

Dekonstruktion

Als Dekonstruktion bezeichnet man ein dem Poststrukturalismus zugerechnetes Modell der Textanalyse, das vor allem von Jacques Derrida und Paul de Man entwickelt wurde. Während die strukturalistische Texttheorie versuchte, den (formal bestimmten) Sinn eines Textes als ein Gefüge textueller und referentieller Beziehungen zu bestimmen, geht man im Poststrukturalismus von „Text“ als einem unabschließbaren Prozess von Sinnproduktion und Sinndiffusion aus. Indem ein Text in seinen verschiedenen Konkretisationen und in variierenden Verständnissen immer neue Bedeutungen aufbaut, unterläuft er damit zugleich seine eigenen vorausgegangenen Bedeutungen. Eine auch nur formal feststellbare Bedeutung wird abgestritten. Aufgabe der Textanalyse ist es, den Prozess der Bedeutungszuweisung in immer wieder neuen, niemals abschließbaren Lektüren nachzuvollziehen, statt feste Interpretationen zu bieten. Der Unterschied zwischen Text und Auslegung verschwindet. Auch die Hierarchie von Primär- und Sekundärtexten verwischt, weil das Signifikantenmaterial auf immer neue andere Signifikanten verweist; Signifikate sind nur noch zeitweilig geltende Annahmen, nicht aber fixe Bezugsgrößen.
Dekonstruktion nennt sich die von dieser Vorannahme ausgehende Praxis der Textanalyse; sie hat keinen Anspruch, Theorie oder Methode zu sein. Texte sind in der Dekonstruktion Lektüren von Lektüren, Auseinandersetzungen mit älteren Bedeutungszuweisungen, mit Habitualisierungen und Konventionalisierungen von Umgehensweisen mit Texten, die in neue Lektüren eingehen. Dekonstruierender Lektüre geht es darum, die jedem Text (im genannten Sinne) inhärenten Routinisierungen, aber auch Widersprüche aufzuspüren. Sie wird von ihren Vertretern als Kritik am Logozentrismus der Philosophie und als Abkehr von den auf fixierbare Bedeutungen ausgerichteten hermeneutischen und ideologiekritischen Verfahren verstanden. Oft wird ein von außen ungesteuert erscheinender Assoziationismus als Mittel eingesetzt, den Signifikantenketten nachzuspüren, die ein Text stimuliert oder die – als intertextueller und motivischer Hof - in ihn eingegangen sind.
Eine zweite Implikation der Annahme, es gebe keine feststehenden Bedeutungen, sondern nur Auseinandersetzungen um Motive, Muster, Stereotypien der Bedeutungskonstitution, sucht das Dekonstruktive in den Filmen selbst auf. Danach sind Filme zu beziehen auf ihren jeweiligen historischen Kontext, den sie unterlaufen, ironisieren, durch Gegenentwürfe von Bedeutung unterwandern. Das Modell gemahnt an die Poetik des „Verfremdens“: Künstlerische Praxis und Qualität besteht darin, jeweils festgewordene Formen des Erzählens oder Zeigens zu unterminieren, ihnen fremde und ungewohnte Darstellungsweisen entgegenzustellen. 

Literatur: Brunette, Peter (ed.): Deconstruction and the visual arts. Art, media, architecture. Cambridge [...]: Cambridge University Press 1994. – Engelmann,Peter (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart: Reclam 2004. – Punday, Daniel: Narrative after deconstruction. Albany: State University of New York Press 2003. – Brunette, Peter / Wills, David: Screen/play. Derrida and film theory. Princeton, NJ [...]: Princeton University Press 1989. – Allen, Richard: Critical theory and the paradox of modernist discourse. In: Screen 28,2, 1987, S. 69-85. – Metz, Walter: Signifying nothing? Martin Ritt's The Sound and the Fury (1959) as deconstructive adaptation. In: Literature/Film Quarterly 27,1, 1999, S. 21-31. – Miller, Gabriel: The death of the western hero: Martin Ritt's Hud and Hombre. In: Film Criticism 20,3, 1996, S. 34-51.
 

Referenzen:

différance

Poststrukturalismus

Strukturalismus


Artikel zuletzt geändert am 17.01.2012


Verfasser: HJW


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