Lexikon der Filmbegriffe

Material

(1) Im allgemeinen ist Material der Werkstoff, aus dem ein Kunstwerk besteht, und gibt durch die materialen Eigenschaften Grenzen dessen vor, was gestaltet werden kann. Material in diesem Sinne kann alles sein, was einer künstlerischen Idee Ausdruck und Realität verleiht – Farbigkeit und Flächigkeit in der Malerei, der menschliche Körper in Ballett und Szenografie, Klang und Töne in den akustischen Künsten, Lichtempfindlichkeit, Kontrastumfang und Körnigkeit im Film usw. Die Materialität der Kunst bildet ein Fundament aller ästhetischen Strukturen, geht es doch in den Programmatiken der Künste darum, das Material extrem zu formen oder – ganz im Gegenteil – den künstlerischen Eingriff so weit zurückzunehmen wie es geht (in den minimalistischen Ansätzen, in Formen wie dem objet trouvé etc.). In aller Regel gilt es, das Material selbst in künstlerischer Arbeit auszustellen, es zu thematisieren und greifbar zu machen, so dass reflexive und viele experimentelle Formen auch gelesen werden können als materialästhetisch motivierte Auseinandersetzungen mit einer Grundvoraussetzung der künstlerischen Arbeit überhaupt.
(2) Im russischen Formalismus ist Material der Gegenbegriff zu ‚Repräsentation‘ und ‚Inhalt‘. Als aisthetisches Ideal realisiert das ‚Empfinden des Materials‘ die formalistische Fundierung der Kunst in der Wahrnehmung. Als Material kommen ebenso außerkünstlerische wie kunstimmanente, d.h. bereits verfremdete, bearbeitete Fakten in Betracht. Für den Film unterscheiden die Formalisten vorfilmisches Material, das der Aufnahme zugrunde liegt, von jenem Material (Einstellungen), das Grundlage der filmischen Konstruktion (Montage) ist. Komplementär zum Material steht das Verfahren, das konstruktiv und verfremdend wirkt, so dass es das Material zugleich in seinen medialen Spezifika und in seiner kunstimmanenten Differenzqualität erfasst.

Literatur: Gumbrecht, Hans Ulrich / Pfeiffer, K. Ludwig (Hrsg.): Materialität der Kommunikation. Frankfurt: Suhrkamp 1988. – Odebrecht, R.: Werkstoff und ästhetischer Gegenstand. In: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft 29, 1935, S. 1-26.

Referenzen:

Stück: Formalismus


Artikel zuletzt geändert am 29.07.2011


Verfasser: HJW WB


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