Lexikon der Filmbegriffe

suspension of disbelief

auch: willing suspension of disbelief

Wenn Rezipienten fiktionale Texte rezipieren, lassen sie sich weder von unrealistischen Szenen noch von kleineren logischen Brüchen in der Handlung oder von Kontinuitäts- und Anschlussfehlern in ihrem Rezeptionsgenuss stören. Vielmehr zeigen sie eine erhebliche Toleranz gegenüber Unrealistischem und Handlungsinkonsistenzen. Eine solche Toleranz einem fiktionalen Medieninhalt gegenüber ist unter dem Begriff (Willing) Suspension of Disbelief bekannt (nach einer eher essayistisch gemeinten Formulierung des englischen Literaten Samuel Taylor Coleridge aus dem Jahre 1817). Es bezeichnet das Unterdrücken von Zweifeln eines Rezipienten, die ihn normalerweise plagen müssten, hätte er es nicht mit einem fiktionalen Text zu tun. Lässt er sich auf eine Fiktion ein, hinterfragt er ihren Realitätsgehalt nicht mehr, suspendiert also das Nichtglauben einzelner Informationen. Obwohl das Phänomen bereits seit annähernd zweihundert Jahren von verschiedensten Autoren (v.a. in der Literaturtheorie) immer wieder angesprochen worden ist, gibt es bisher keine einheitliche Konzeptualisierung. Die am weitesten gehende Modellierung des Prozesses stammt von Norman Holland, der neben der Unterdrückung der Präsenz des Zuschauerleibes und der Ausblendung aller Kontexte, die nicht zum fingierten Universum gehören, den Verzicht auf die Realitätsprobe der Fiktion als Elemente der suspension of disbelief behauptete.

Literatur: Böcking, Saskia / Wirth, Werner / Risch, Christina: Suspension of Disbelief: Historie und Konzeptualisierung für die Kommunikationswissenschaft. In: Rezeptionsstrategien und Rezeptionsmodalitäten: Formen der Nutzung, Aneignung und Verarbeitung von Medienangeboten. Hrsg. v. Volker Gehrau, Helena Bilandzic u. Jens Woelke. München: Fischer 2005. – Holland, Norman: The ‚Willing Suspension of Disbelief‘ Revisited. In: Centennial Review 11, 1967, S. 1-23. – Schaper, Eva: Fiction and the Suspension of Disbelief. In: British Journal of Aesthetics 18, 1978, S. 31-44.
 

Referenzen:

plot hole


Artikel zuletzt geändert am 21.01.2012


Verfasser: HJW


Zurück