Lexikon der Filmbegriffe

Tunnelblick

engl.: tunnel vision

(1) Bei höheren Geschwindigkeiten, in denen sich das sehende Subjekt durch die Umgebung bewegt, kommt es zum sogenannten „Tunneleffekt“ der Wahrnehmung: Die Augen können eigentlich nur in einem Bereich von 30-40 Grad scharf sehen; das gesamte Gesichtsfeld von 200 Grad wird erst dadurch ausgeschöpft, dass der Blick ständig die Umgebung abtastet. Steigt die Eigen-Geschwindigkeit, ist das Auge überfordert. Details an den Rändern des Gesichtsfeldes verschwimmen. Die Abtastbewegungen werden eingeschränkt. Eingeschränkte Wahrnehmung erhöht die Anspannung, so dass Angst entsteht. Bei extremen Beschleunigungen (etwa in Flugzeugen) kommt es zum greyout effect – die Wahrnehmungen verlieren ihre Farben, das gesamte Wahrnehmungsfeld wird grau, im Extremfall folgt Bewusstlosigkeit.
Bei schnellen Kamera-Fahrten entsteht auch im Kino ein ähnlicher Effekt: Das Bildfeld ist insgesamt in zu schneller Bewegung, um noch verlässlich abgetastet zu werden; kommt unterstützend zur Bewegung noch eine kurze Optik dazu – sie erweckt den Anschein, als würde das Wahrnehmungsfeld des Bildes zu den Rändern hin liquide, die Objekte scheinen aus dem Gesichtsfeld der Leinwand „herauszufließen“ –, so entsteht auch im Kino jenes leichte Unwohlsein und jene leichte Irritation der Raumwahrnehmung, die als „Tunnelblick“ in der Realität auftritt.
(2) Der Rede von „Scheuklappen-Anlegen“ ähnliche allgemeine Metapher für „beschränkte Wahrnehmung“, die gelegentlich auch als medienkritisches Bild auf das Fernsehen angewendet wird: Danach verursacht das Fernsehen eine höchst beschränkte, vom rezipierenden Subjekt nicht kontrollierbare Einschränkung der Realitätswahrnehmung im Allgemeinen. Der Tunnelblick in diesem Sinne ist eine Erscheinungsform der Vorurteilsbelastung des Wissens. Allerdings gehört es nach Ansicht vieler Kritiker zu den Aufgaben der Kunst, spezifische Weltansichten stilistisch und epistemisch radikalisiert zu formieren.

Literatur: Slater, Judith: Quentin's Tunnel Vision. Modes of Perception and Their Stylistic Realization in The Sound and the Fury. In: Literature and Psycholgy 27,1, 1977, S. 4-15.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: JH AS


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