Lexikon der Filmbegriffe

Coolness

Das Attribut „cool“ hat seit Jahrzehnten zahlreiche Bedeutungsrealisierungen und -verschiebungen erlebt. Man könnte eine Reihe eröffnen, die sich mit Georg Simmels Großstadtpsychologie (erinnert sei an den Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“, 1903) über Kältestrategien der Neuen Sachlichkeit, über den Film Noir (Jean-Paul Belmondo als Hauptdarsteller in A Bout de Souffle, 1959, Alain Delon in Le Samourai, 1967, John Travolta in Pulp Fiction, 1994) über die Beat Generation und den Cool Jazz erstreckt, seinen Niederschlag in den Blackploitation-Filmen seit Shaft (1971) und im Hip-Hop (Eminem in 8 Mile, 2002) seine Fortsetzung findet, wo er vielfach als Straßenhabitus fungiert – womit sich der Kreis schließt. Simmel bezeichnete diese Haltung des Großstadtbewohners als „Blasiertheit“, die als Schockabwehr gegen ein Zuviel an Eindrücken zu werten sei. Die intellektualistische Beobachterperspektive findet im subkulturellen Kontext ihre Entsprechung im Hip-Sein als Synonym für Coolness, das Dekodierungskompetenz und Trendkunde vor allem in Fragen des Stils beweist. Damit verweist der Begriff auf die ersten Meister der Coolness, des Kältekults, die Dandys des Fin de Siècle. Coolness als eine Strategie gegen den Terror der Intimität und des Natürlichen, des Ehrlichen und der Authentizität, die jedoch nicht zu denken ist ohne das Versprechen von emotionaler Wärme oder gar von Leidenschaftlichkeit, das sich hinter der Kältemaske verbirgt. Als Sinnbild dieser Maskierung gilt immer noch Humphrey Bogart als Rick in Casablanca (1942). Coolness aber auch verstanden als Inszenierungsstrategien moderner Popvideos wie etwa der von Madonna oder Missy Elliott, hinter deren inszenierter Coolness immer auch das Versprechen von Wärme und sogar Liebe aufscheint.

Literatur: Düllo, Thomas: Coole Körpermaschinen, hysterisierte Räume. Maskierte Identitätsvokabeln in neueren Musik-Clips. In: Inszenierungen: Theorie – Ästhetik – Medialität. Hrsg. v. Christopher Balme u. Jürgen Schläder. Stuttgart: Metzler 2002, S. 17-34. – Lethen, Helmut: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt: Suhrkamp1994. – Poschardt, Ulf: Cool. Hamburg: Rogner & Bernard 2000. Repr. 2002. – Simmel, Georg: Die Großstädte und das Geistesleben. In: Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden 9, 1903, S. 185-206. Mehrfach nachgedr.


Artikel zuletzt geändert am 03.08.2011


Verfasser: KVH


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