Lexikon der Filmbegriffe

Ikonotext

Peter Wagner schlug den Begriff Ikonotext vor, um solche Kunstwerke zu beschreiben, die von einer Fülle visueller und verbaler Diskurse umgeben sind und ohne deren Kenntnis nicht entzifferbar wären. Es geht nicht allein um verbale und bildliche Zitate, sondern es können auch Bildzitate in verbalen Diskursen Verwendung finden, ebenso wie Bilder umgekehrt Verbalität zitieren können. Man denke an bildliche, insbesondere fotografische Reproduktionen, die in Erzähltexten der Gegenwart als Teil des Ausdrucksapparates eingesetzt werden, an die Nutzung und Uminterpretation von Schrift in visuellen Kunstwerken oder im letteristischen Film, an die Mischform der Texte in Enzyklopädien oder auf Websites, an Ausdrucksformen wie Handschrift und Kalligraphie, die zwischen Bildlichkeit und Schriftlichkeit stehen. Werden nun Bezugnahmen vorgenommen, wird nicht allein vom neuen auf den alten Text geschlossen, sondern es ändert sich auch der ältere Text (resp. das kulturelle Verständnis, das er aktiviert). Die berühmte Szene, in der Marilyn Monroe „Diamonds Are a Girl‘s Best Friend“ sang (in dem Spielfilm Gentlemen Prefer Blondes, 1950), ist inzwischen durchdrungen mit dem Musikvideo zu „Material Girl“, das Madonna 1984 zitierte und neu interpretierte – alter und neuer Text ergeben nun eine neue kulturelle Einheit. Das mutet ebenso plausibel wie irritierend an. Intertextuelle Beziehungen sind nämlich in aller Regel markiert, weil der alte Text nötig ist, um erkennen zu können, wie er im neuen Text ironisiert, verlacht, monumentalisiert usw. wird. Es kommt also nicht zur Überlagerung oder gar Amalgamierung der beiden Texte, sondern ihre Differenz ist zum Bedeutungsaufbau nötig, und das Erlebnis der Differenz ist das wesentliche Bedeutungserlebnis.

Literatur: Bal, Mieke: Quoting Caravaggio: Contemporary Art, Preposterous History. Chicago: University of Chicago Press 1999. – Kemp, Wolfgang: Praktische Bildbeschreibung. Über Bilder in Bildern, besonders bei Van Eyck und Mantegna. In: Beschreibungskunst – Kunstbeschreibung. Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Gottfried Boehm und Helmut Pfotenhauer. München: Fink 1995, S. 99-122. – Wagner, Peter: Reading Iconotexts: From Swift to the French Revolution. London: Reaktion Books 1995. – Ds.: Ekphrasis, Iconotexts, and Intermediality – the State(s) of the Art(s). In seinem: Icons – Texts – Iconotext. Essays on Ekphrasis and Intermediality. Berlin/New York: de Gruyter 1996, S. 1-40.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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