Lexikon der Filmbegriffe

unsichtbarer Schnitt

auch: „weicher“ Schnitt; dagegen: Kontrastmontage, harter Schnitt; engl.: invisible cutting

Wenn der Schnitt den Zuschauer nicht aus dem Sog der Erzählung herausreißt, sondern wahrnehmungsunauffällig bleibt und quasi „übersehen“ wird, spricht man vom „unsichtbaren Schnitt“. Das kann innerhalb der Schnittkonvention des Coverage-Systems geschehen, wenn die Dialoge standardisiert im Schuss-Gegenschuss geschnitten werden. Dabei entspricht dies auf der Produzentenseite dem normsetzenden, weil erprobten Montagemuster des klassischen Hollywood mit seinem Studiosystem, auf der Rezipientenseite den tradierten Sehgewohnheiten, die so eingängig sind, dass diese Schnitte als „normal“ gesehen, dem Gesehenen vollständig integriert und darum gar nicht als solche den filmischen Fluss der Betrachtung unterbrechend wahrgenommen werden.


Wahrnehmungspsychologisch wird die Wirkung des unsichtbaren Schnitts durch die kinematographische Continuity verstärkt. Das Kontinuitätsprinzip bewirkt, dass die Schnitte weich erscheinen, da sie durch den über die Schnittstellen kontinuierlichen Fluss von Bewegungen oder Blickachsen etc. gleichsam den Blick der Zuschauer „weich“ über die Schnittstelle führen. Daher ist der „unsichtbare“ Schnitt dem Illusionskino Hollywoodscher Eigenart innewohnend, dem revolutionären Kino der Sowjet-Avantgarde der 1920er Jahre dagegen obsolet, wie man an deren Vorlieben für harte Kontrastmontagen, die im Gegensatz zum Kino der Illusionen nicht zum ungestörten Verschmelzen mit der Handlung der Helden einladen, ablesen kann. 


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HB


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