Lexikon der Filmbegriffe

diskursiv / präsentativ

auch: diskursive und präsentative Symboliken

Die Unterscheidung zwischen der diskursiven Symbolik von Sprache und Schrift und der präsentativen Symbolik von Bildern und anderen kulturellen Ausdrucksformen wie Musik und Tanz geht auf Susanne K. Langers „Philosophy in a New Key“ zurück. Visuelle Formen – Linien, Farben, Proportionen usw. – sind danach ebenso der Artikulation, d.h. der komplexen Kombination fähig wie Wörter. Aber die Gesetze, die diese Art von Artikulationen regieren, sind von denen der Syntax, die die Sprache regieren, grundverschieden. Der radikalste Unterschied ist der, dass visuelle Formen nicht diskursiv sind. In Symboliken wie der Sprache oder der logischen Notationen besteht keine interne Verbindung zwischen der sinnlichen Realisierung und ihrer Bedeutung. Die Elemente der präsentativen Symboliken (Bilder, Rituale, Mythen, Kunstwerke) haben dagegen keine feststehenden Eigenbedeutungen. Es gibt kein Vokabular von Bildelementen: ein schwunghafter Bogen, der in dem einen Bild eine Welle bedeutet, bedeutet in einem anderen Bild vielleicht ein Blatt. Was der Bogen im Einzelfall bedeutet, hängt von seiner Situiertheit im Gesamtzusammenhang aller anderen Formelemente ab. Er hat keine davon unabhängige Bedeutung. Weil die Artikulation nicht auf konventionellen Bedeutungen basiert, ist sie von dem sinnlichen Material, in dem sie realisiert ist, nicht ablösbar. Deshalb kann es keine Definition der Elemente geben. Selbst die Identifikation einzelner Elemente ist unmöglich. Präsentative Symboliken bieten ihre Bestandteile nicht nacheinander, sondern gleichzeitig dar, weshalb die Beziehungen, die eine visuelle Struktur bestimmen, in einem zusammenhängenden Akt des Sehens erfasst werden. Bilder und Filme sind also keine linearen diskursiven Symbole, sondern simultane präsentative – und diese präsentativen Symbole sind besonders geeignet für den Ausdruck von Ideen, die sich der sprachlichen Darstellung widersetzen. Bilder und Filme sind konkreter als abstrakte Worte, sie vermitteln räumliche Perspektiven, sie sind unmittelbarer und emotionaler, und sie sind in ihrer Bedeutung offener. Geistige Verarbeitung beginnt in der Wahrnehmung, wird in Bildern, Ritualen, Mythen, Sprache und Kunst fortgesetzt. Bereits in den elementaren Formen des Wahrnehmens präsentativer Symboliken und des Darstellens resp. der Kommunikation mittels derselben werden Erfahrungen verarbeitet und Verständnisse artikuliert.
Langers Gegenüberstellung spielte in der Symboltheorie Goodmans (Languages of Art, 1968), in der Anthropologie Clifford Geertz‘ (Interpretation of Culture, 1972) sowie in der Entwicklungspsychologie eine wichtige Rolle. Sie wurde außerdem in der semiotischen Filmtheorie mehrfach fortgeschrieben. 

Literatur: Langer, Susanne K.: Philosophy in a New Key. A Study in the Symbolism of Reason, Rite, and Art. Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1942. Dt.: Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Frankfurt: Fischer 1965. In beiden Sprachen zahlr. Nachdr. u. Neuausg. – Ds.: A Note on the film. In ihrem: Feeling and Form. A Theory of Art Developed from „Philosophy in a New Key“. New York: Scribner 1953, S. 411-415. – Lachmann, Rolf: Susanne K. Langer. Die lebendige Form menschlichen Fühlens und Verstehens. München: Fink 2000. – Curran, Trisha: A new note on the film: A theory of film criticism derived from Susanne K. Langer's philosophy of art. New York: Arno Press 1980. – Röll, Franz Josef: Mythen und Symbole in populären Medien. Der wahrnehmungsorientierte Ansatz in der Medienpädagogik. Frankfurt: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik 1998.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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