Lexikon der Filmbegriffe

moralisches Rührstück

Nach dem französischen Vorbild der comédie larmoyante (etwa: Rührkomödie) und parallel zu den englischen Formen der sentimental comedy und der domestic tragedy entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Trivialisierung des bürgerlichen Trauerspiels, die im Unterschied zu jenem in aller Regel einen versöhnlichen Schluss hatte. Die Figuren sind meist überzeichnet, tragen ein Übermaß an Tugend, Edelmut und Bereitschaft zur Entsagung zur Schau. Die Handlung dreht sich um Konflikte zwischen Tugend, Moral und Laster und gipfelt oft in demonstrativer Tugendhaftigkeit. Derartige Stücke zielen auf einen Schlußaffekt, der zwischen erleichterter Heiterkeit, Rührung und moralischer Befriedigung schwankt. Die wesentliche Voraussetzung des Rührstücks ist eine abziehbare, übergeordnete Moral. Die entsprechenden Erzählmuster sind denkbar deutlich: Das Gute siegt, das Böse wird bestraft, und selbst aus Katastrophen und Trauerfällen werden heilsame Lehren gezogen. In diesem Sinn ist die Handlung stets teleologisch ausgerichtet, der didaktische Sinn am Ende ist von vornherein versprochen.
Anknüpfend an die breite Tradition rührstückartiger Geschichten und Dramaturgien im Theater entstand schon in den 1910er Jahren eine filmische Tradition rührseliger Dramatik: Filme wie Griffiths Broken Blossoms (1919) oder Chaplins The Kid (1921) setzen ein mit Rezeptionsgratifikationen spielendes Erzählverfahren in Gang, das die Moderation aller Gefühle ebenso verfolgt wie die Versicherung der Gewissheit, dass das Moralische jede Sympathie verdient und sich am Ende durchsetzen wird. Es ist nie unaktuell geworden, wie Filme wie Gone with the Wind (1939), Johnny Belinda (1948) oder Philadelphia (1993) zeigen. Höchst ironisch hat sich Stephen Frears in Dangerous Liaisons (1988) mit einigen Mustern des Rührstücks auseinandergesetzt.

Literatur: Decker, Christoph: Hollywoods kritischer Blick. Das soziale Melodrama in der amerikanischen Kultur 1840-1950. Frankfurt [...]: Campus 2003. – Kappelhoff, Hermann: Matrix der Gefühle. Das Kino, das Melodrama und das Theater der Empfindsamkeit. Berlin: Vorwerk 8 2004. – Mercer, John / Shingler, Martin: Melodrama. Genre, style and sensibility. London [...]: Wallflower 2004.


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: PB HJW


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