Lexikon der Filmbegriffe

Paraperson

Moderatoren und andere Medienfiguren treten als scheinbar authentische Persönlichkeiten auf und bedienen sich kommunikativer Codes, wie wir sie von Begegnungen im Alltag kennen, aber die Medialität ihres Auftretens sorgt für gänzlich andere Rahmenbedingungen und Wahrnehmungsraster. Zum einen schreibt ihnen das Format ihrer Sendung ein bestimmtes Rollenverhalten als Conférencier, Informationsvermittler, Gesprächsleiter oder Entertainer vor, zum anderen sorgt die fernsehgerechte Inszenierung des Moderators bis hin zu Licht, Garderobe und Make-up sowie die redaktionelle Zuarbeit und Unterstützung für ein souveränes und nahezu makelloses Erscheinungsbild, das mit der authentischen Person des Moderators nur bedingt etwas zu tun hat. Anders als in der alltäglichen Interaktion kann sich ein Moderator in seiner Sendung auch nicht der Kommunikation verschließen, Desinteresse oder Lustlosigkeit zeigen oder sich auf Indisponiertheiten berufen. Er wird immer eine abstrakte Person bleiben, eine idealisierte Erscheinung, eine Folie für Projektion und parasoziale Interaktion.
Die gleiche Differenz von Medienfigur und realer Person gilt ebenso für die Akteure in fiktionalem Spiel. Auch hier ist der Schauspieler eine Paraperson, die auf der komplexen Integration der drei Dimensionen „Körper“, „Schauspieler“, „Rolle“ und „(sozialer) Typus“ fußt. Am Ende der Rezeption eines Films ist ein Charakterprofil synthetisiert worden, das den Zuschauer in die Lage versetzt, über Figuren des Spiels wie reale Personen zu sprechen. Das Ziel der Figurenwahrnehmung ist genau diese synthetische Größe, und das Verfahren, das dabei angewendet wird, ist die Attribution – Charakterzüge, Modi des Verhaltens, Motivationen und Blockaden der Figur werden aus den Handlungen erschlossen, die vorgeführt werden.

Literatur: Wulff, Hans J.: La percep­tion des personnages de film. In: Iris: Revue de Théorie de l‘Image et du Son 24, 1997, S. 15-32. – Ds.: Charaktersynthese und Paraperson. Das Rollenverhältnis der gespielten Fiktion,. In: Fernsehen als „Beziehungskiste“. Parasoziale Beziehungen und Interaktionen mit TV-Personen. Hrsg. v. Peter Vorderer. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996, S. 11-24.

Referenzen:

parasoziale Interaktion


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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