Lexikon der Filmbegriffe

Schnulze

Wenn der Rezipient selbst davon redet, ein von ihm geschätztes Musik- oder im übertragenen Sinne – ein Film- oder Fernsehstückstück sei eine Schnulze, dann ist das eine abfällig-liebevolle Bezeichnung für einen Schlager oder einen Film, der gefühlsbetont ist, mit manchmal hoher subjektiver Bedeutung aufgeladen und sich der ästhetischen Minderwertigkeit bewusst ist und durchaus ironisch-distanzierte Züge umfasst. Man kann aber auch (in der deutlich älteren und heute meist als veraltet geltenden Gebrauchsweise) eine ästhetisch rabiate Abwertung durch den Begriff ausdrücken und dann ein Produkt der Kulturindustrie damit ansprechen. Gemeint sind in beiden Fällen kitschig-sentimentale Schlagerlieder, Theaterstücke, Fernsehspiele oder rührselige Kinofilme (wie etwa in der Bezeichnung Heimatschnulze). Beispiele aus dem Film entstammen fast immer der Gattung Rührstück, sind deutlich auf Rührung als primären Rezeptionsaffekt ausgerichtet. Ein Beispiel ist neben Love Story (1970) Chris Columbus‘ The Story of Us (1999); erwähnt seien aber auch die neueren Familienrührstücke aus der ZDF-Produktion nach Vorlagen Rosamunde Pilchers.
Das Wort stammt aus den 1930er Jahren und ist wohl Berliner Ursprungs. Es gibt aber auch die Anekdote, dass es 1948 von Harry Hermann, dem Leiter der Musikabteilung und Chef des Unterhaltungsorchesters des NDR, auf einer Redaktionskonferenz des NDR erstmals geäußert wurde. Mutmaßlich geht es auf das niederdeutsche snulten (= gefühlvoll reden) zurück. In seinen Assoziationshorizont fallen Begriffe wie Herz, Schmerz, Heimat, Liebe, Abschied, Wiedersehen, Tränen, Mutter, Vergebung, Reue, Sehnsucht, Heimweh.

Literatur: Rabenalt, Arthur Maria: Die Schnulze. München: Reisselmeier 1959.


Artikel zuletzt geändert am 20.07.2011


Verfasser: HHM


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