Lexikon der Filmbegriffe

digitally expanded cinema

auch: digitally-expanded cinema; auch: interactive and immersive cinema; benachbart: iiC_inema

Medienkünstlerische Erweiterungen des Kinos, die versuchen, ältere Aspekte des Expanded Cinema wie Leiblichkeit und Interaktivität des Zuschauers mit neueren digitalen Techniken der virtuellen visuellen Immersion, d.h. der völligen Versenkung in das Filmbild (z.B. IMAX, Rundtheater-Projektionen in sogenannten Domes u.ä.), mit Filmsound generierenden Publikumsgeräuschen bzw. -texten sowie durch Manipulation von Steuerungsalgorithmen zu verbinden. Der Zuschauer-Mitspieler muss dabei nicht nur – wie in manchen der älteren Versuche zur Narrativik – an bestimmten Gabelungspunkten oft nur rudimentär erzählter Geschichten Entscheidungen über weitere narrative Verläufe treffen, sondern er soll vermittelt über spezielle Interfaces und Technologien der virtuellen Umgebung die Funktionen des Kameramanns, Tontechnikers und (elektronischen) Cutters übernehmen und so seine eigene, nicht linear erzählende, vielmehr polyphone Struktur eines synästhetischen raumzeitlichen Filmerlebnisses schaffen. Angestrebt wird über visuelle Versenkung hinaus Kino als immersiver narrativ-interaktiver (Theater-)Raum, der – beeinflusst durch die Struktur des Internets und distributiv verankerte Videospiele, aber durchaus auch in bewusstem Rückgriff auf Konzeptionen aus dem Barock – gleichzeitig als variabler sozialer Mitspiel-Raum von Nutzern begriffen und gelebt wird, die alle als Protagonisten im Spiel agieren.
Derartige Entwürfe betonen das das Sujet der interaktiven Beziehung zwischen Nutzern und System. Dagegen ist kritisch angemerkt worden, dass sie Gefahr laufen, die sicher faszinierenden Manipulationen vorhandener Interfaces, Strukturen und Algorithmen als Ersatz für viel grundlegendere, ebenfalls „interaktiv“ mit dem Erzählraum verbundene identifizierende, speichernde, erinnernde und Hypothesen aufbauende Verstehensprozesse anzusehen. 

Literatur: Notaro, Anna: Technology in search of an artist: questions of auteurism/authorship and the contemporary cinematic experience. In: The Velvet Light Trap 57, 2006, S. 86-97. – Shaw, Jeffrey: Movies after film - the digitally expanded cinema. In: Rieser, Martin / Zapp, Andrea (eds.): New screen media: cinema/art/narrative. London: BFI Publishing, 2002 [Nachdr. 2004], S. 268-275.
 

Referenzen:

expanded cinema

Experimentalfilm

iiC_inema


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: LK


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