Lexikon der Filmbegriffe

Rezeptionsästhetik

manchmal auch: Rezeptions- und Wirkungsästhetik; engl.: reader-response criticism, reception theory

Seit den 1960er Jahren gab es in der Literaturwissenschaft (Hans Robert Jauß, Wolfgang Iser, Stanley Fish u.a.), aber auch in den anderen Textwissenschaften eine massive Zuwendung zu einem Kommunikationsmodell künstlerischer Texte. Grundlegend wurde die textontologische Überzeugung, dass ein Text – ein Buch, ein Drama, ein Musikstück, ein Film – sich erst in der Rezeption vollende, erst dann zu einem sinntragenden Gebilde transformiert werde. Werkanalyse lässt sich mit Blick auf gesellschaftliche Produktionsbedingungen oder die Person der Autors nicht sinnvoll nur als Produktionsästhetik betreiben, und wenn sie sich ausschließlich mit Textstrukturen und deren Darstellungsfunktion befasst, erfasst sie nicht die grundlegende Polysemie der Texte, Funktionen von Textstrukturen, die erst in der Rezeption wirksam werden usw. Auch in der Filmtheorie geriet mit Metz‘ Diktum, dass man verstehen müsse, wie Filme verstanden werden, die Rezeption als Horizont der Analyse ins Zentrum. Text und Adressat stehen in einem dialogischen Verhältnis, es gibt kein richtiges oder falsches Verstehen, keinen objektiv-zeitlosen Sinn eines Werkes, sondern eine Vermittlung von kulturellen und historischen Erwartungs- und Rezeptionshorizonten.
Das Gesamtfeld der Untersuchung gliedert sich in zwei große Bereiche:

(1) Rezeptionsästhetik befasst sich mit der Untersuchung der im Werk angelegten Rezeptionsweisen und Adressatenmodelle, der Rezeptionsprozesse im Einzelnen, der Motivationen und Erwartungen, sozialer und individueller Funktionen, der Effekte und Wirkungen; im Zentrum steht der Rezeptionsprozess: Texte enthalten „Leerstellen“, die vom Adressaten „konkretisiert“ werden müssen; wenn dieser also sein Weltwissen in die Rezeption einbringt, stößt er auf den „Widerstand“ des Textes – einerseits führt das zu einer Erweiterung und Veränderung seines Welt- und Stilwissens, andererseits bildet diese Auseinandersetzung gerade den Kern der Rezeptionslust (pleasure);
(2) Rezeptionsgeschichte untersucht dagegen Werke in Werksreihen, davon ausgehend, dass sich Wirkungsgeschichte als Einfluss in derartigen Ketten nachweisen ließe. Daneben liegen eine ganze Reihe von empirischen Themen an – am Beispiel des Films: die Untersuchung historischer Publika und Rezeptionspraxen, Geschichte der Verbreitung, der Filmwerbung, der Kinos, Geschichte der Filmskandale. Ähnlich lässt sich auch die Rezeptionsästhetik zu empirischen Fragen in Beziehung setzen.
Heute steht die Rezeptionsästhetik anderen Fragehorizonten der Analyse nicht mehr entgegen, sondern ist integraler Bestandteil einer Kommunikationstheorie des Films geworden, in die Aspekte der Produktion, der Verbreitung, der gesellschaftlichen Ansichten, der Darstellung, der Technik und der semiotischen Ausdrucksmöglichkeiten sowie der Rezeption gleichberechtigt eingehen.

Literatur: Eco, Umberto: Lector in fabula. München 1990. – Suleiman, S.R. / Crosman, I. (eds.): The Reader in the Text. Essays on Audience and Interpretation. Princeton 1980. – Warning, Rainer: Rezeptionsästhetik. München 1974. Repr. 1994. – Wulff, Hans J.: Darstellen und Mitteilen. Elemente der Pragmasemiotik des Films. Tübingen: Narr 1999, Kap. 1.

Referenzen:

Absenz

Atmosphäre

cognitive poetics

impliziter Leser

Katharsis


Artikel zuletzt geändert am 30.08.2012


Verfasser: HJW


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