Lexikon der Filmbegriffe

Underground-Film

Der Begriff wurde in den 1960er Jahren von der Gruppe des New American Cinema (u.a. Stan Brakhage, Jack Smith, Jonas Mekas, Andy Warhol, Kenneth Anger) geprägt und bezeichnete zunächst amerikanische, später generell Experimentalfilme, die jenseits institutionalisierter (d.h. öffentlicher) Produktionszusammenhänge, mit geringem Budget und meist Laiendarstellern entstanden waren. Sie wurden im Untergrund realisiert und waren bewusster Ausdruck einer Subkultur. Eines der zentralsten Anliegen war die moralische, ästhetische und politische Provokation, allgemein wurde ein Moment der Subversion als Anliegen reklamiert. Tabus wurden gebrochen, sei es auf formaler oder inhaltlicher Ebene, mit dem Ziel, eine Gegenästhetik zu entwerfen, die sich nicht um (klein-)bürgerliche Traditionen und Konventionen der (Film-)Kunst kümmert. Im Zuge dieser auch in der BRD sehr lebendigen Bewegung entstanden eine ganze Reihe politisch-aktionistischer Provokationen (wie InterAction, 1968, Karl-Dietmar Möller), ästhetischer Erprobungen ungewohnter Formen des Filmens (wie in den Filmen Lutz Mommartz‘), Verbündungen von Sexualität und Politik (theoria, 1971, Marc Adrian). Die ersten Filmkunstkinos und Festivals entstanden – wie X-Screen in Köln, geleitet von dem Experimentalfilmerpaar Wilhelm und Birgit Hein, die mit ihren radikalen Positionen Grenzen des strukturellen Films ausloteten (wie in Rohfilm, 1968). Die Hamburger Film Kooperative, zu der Filmemacher und -macherinnen wie Werner Nekes und Dore O (Jüm Jüm, 1967), Helmuth Costard, Helmut Herbst und Klaus Wyborny (Die Geburt der Nation, 1972/73) gehörten, war ein zweites regionales Zentrum des deutschen Underground-Films.
Nicht nur die Produktion der Filme, sondern auch ihre Vorführung fand meist im (halblegalen) großstädtischen „Untergrund“ statt – oft genug war sie überhaupt nur dort denkbar, da die Filme andernfalls zu Zensurfällen würden. Fällt diese besondere Rahmung der Rezeption zusammen, verliert der Underground-Film eines seiner essentiellen Bestimmungsstücke. Damit ist aber auch deutlich, dass repressive gesellschaftliche Verhältnisse die Entstehung von Untergrund-Film-Szenen fördern.

Literatur: Scheugl, Hans / Schmidt, Ernst: Eine Subgeschichte des Films. Lexikon des Avantgarde-, Experimental- und Undergroundfilms. Frankfurt: Suhrkamp 1974 (Edition Suhrkamp. 471.). – Tyler, Parker: Underground Film - eine kritische Darstellung. Frankfurt: März 1970. Zuerst engl. Repr. New York: DaCapo Press 1995. – Hein, Birgit: Film im Underground. Berlin: Ullstein 1971. – Vogel, Amos: Film als subversive Kunst. Andrä-Wördern: Hannibal Vlg. 1997. Zuerst engl. 1974. – Suárez, Juan A.: Bike Boys, Drag Queens, and Superstars. Avant-Garde, Mass Culture, and Gay Identities, in the 1960s Underground Cinema. Bloomington: Indiana University Press 1996. – Mendik, Xavier / Schneider, Steven Jay(eds.): Underground U.S.A. Filmmaking Beyond the Hollywood Canon. London: Wallflower 2002. – Reekie, Duncan: Subversion. The Definitive History of Underground Cinema. London: Wallflower 2007.
 

Referenzen:

Anderes Kino

Cinema of transgression

Fehler