Lexikon der Filmbegriffe

Operatives Video

auch: Videobewegung, alternatives Video, anderes Video

Mit dem Aufkommen des portablen Videos (1969 wurde das Portapack vorgestellt, aus dem sich die Amateurnormen entwickelten) entstand sofort ein Interesse, sich der neuen Technik aus künstlerischen oder politischen Interessen zu bedienen. Ein wichtiges Argument waren die gegenüber der 16mm-Arbeit deutlich zurückgenommenen Kosten. In der Theorie berief man sich oft auf Sergej Tretjakow, der schon in den 1920ern gefordert hatte, vom passiven zum aktiven Umgang mit Medien überzugehen, um ein wahrhaft revolutionäres Subjekt zu erschaffen.
In New York etablierte sich eine erste Videoszene, deren Aktivitäten ab 1970 im Magazin Radical Software dokumentiert wurden. Darin ging es vor allem um neue Ideen für Videoeinsätze in der Stadtteilarbeit, in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und in Protestbewegungen. Video erweckte den Eindruck eines Werkzeugs, das ohne großen Aufwand, ohne überhöhten Kunstanspruch und ohne die Aura des Kinofilms für die verschiedensten Zwecke im soziokulturellen und politischen Alltag benutzt werden konnte. In den Protestbewegungen der späten 1970er, wegen der zunehmenden Verbreitung und Verbilligung der Videotechnologie vermehrt dann in den 1980ern und 1990ern ermöglichte Video einen schnellen Austausch zwischen Protestgruppen und den Aufbau von Gegenöffentlichkeiten (z.B. durch den Aufbau dezentraler Abspielringe). Medienwerkstätten, Jugendzentren, Kneipen und Kinos bildeten dabei einen institutionellen Rückhalt für die „Videoarbeiter“. Züri brennt (1980) war eine Produktion des Videoladens Zürich, der 1979 gegründet worden war; der Film protokolliert das Geschehen um den „Opernhauskrawall“ vom 30.5.1980 aus einer deutlich parteiisch gefärbten Position heraus. Er gilt als erstes „Bewegungsvideo“, das weit über Zürich hinaus rezipiert wurde.
Mit dem Zurücktreten politischer Protestkulturen ist auch die Bedeutung des operativen Videos sowie der Idee, mittels Video öffentliche Macht umzuverteilen, heute zur Bedeutungslosigkeit abgesunken.


Literatur: Bürer, Margrit / Nigg, Heinz (Hrsg.): Video. Praktische Videoarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Zürich: Pro Juventute 1990. – Horst, Hartmut / Lohding, Wolfgang. Operatives Video. Berlin: Medienoperative Berlin 1977. Mehrere Nachdr. – Köhler, Margret (Hrsg.): Alternative Medienarbeit. Videogruppen in der Bundesrepublik. Opladen: Leske + Budrich 1980. - Roth, Wilhelm: Der Dokumentarfilm seit 1960. München/Luzern: Bucher 1982, S. 198-206.
 

Referenzen:

Anderes Kino


Artikel zuletzt geändert am 19.07.2011


Verfasser: HHM


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