Lexikon der Filmbegriffe

Histoire / discours: Konzeptgeschichte

engl. ähnlich: story / discourse, story / plot

In der Narratologie findet sich häufig die elementare Unterscheidung zwischen histoire und discours. Danach besteht ein narrativer Text aus zwei Ebenen – einer kanonischen Folge von Ereignissen, der Chronologie und der Kausalität des Geschehens folgend, und einer zweiten, die jene erste Ordnung des Geschehens in eine Abfolge von Zeichen transformiert. Ist die histoire eine Geschichte, die ein reales oder fiktives Geschehen in seiner „Normalform“ und gleichzeitig die Substanz (das „Was“) des Textes ausmacht, ist die Ebene des discours die der sprachlichen, filmischen, theatralischen oder sonstwie medialen Darstellung (das „Wie“).

So elementar die Unterscheidung ist, so vielgestaltig ist ihre Begriffs- resp. Konzeptgeschichte.

– Formalismus: Das Gegenüber von fabula und syushet („Fabel“ und „Sujet“) in Boris Tomashevskys „Theorie der Literatur“ bezeichnet das Verhältnis des Stoffs einer Erzählung zu der sprachlichen Verknüpfung dieser Ereignisse. Eine neuere Lesart des formalistischen Modells ist Peter Brooks Überlegung, dass die Rezeptionsprozesse intentional auf die Rekonstruktion der Fabel gerichtet seien, so dass zwar die Rezeption sich in der Zeit progressiv verhält, die Versuche, eine Sinn-Synthese in der Fabel herzustellen, dagegen zeitlich rückwärts gerichtet sind.
– New Criticism: In E.M. Forsters Romantheorie findet sich das Begriffspaar von story und plot. Erstere ist die Reihe von Ereignissen in ihrer zeitlichen Sequenz, letztere die kausale Folge von Ereignissen.
– Strukturalismus: Der Linguist Emile Benveniste verstand unter histoire eine objektive, systemische, von der Sprecherinstanz unabhängige Existenzform von Sprachformen, wogegen discours subjektiv und situativ besondere Realisierungen der Sprache seien. In eine ähnliche Richtung ging die Übertragung des Konzepts auf die erzählende Literatur, die Tzvetan Todorov vornahm – danach steht dem Besonderen der einzelnen Texte jeweils eine abstrakte und allgemeine Erzählform gegenüber.
– Im Spätstrukturalismus differenzierte der Narratologe Gérard Genette den discours in die beiden Elemente récit (im Sinne von „besondere Erzählung“) und narration (im Sinne des „Erzählens“ resp. der Hervorbringung der Erzählung).
– In eine ähnliche Differenzierung faltet Seymour Chatman das recht schlichte ursprüngliche Begriffspaar aus, wenn er – eher pragmatisch als modellorientiert – an zahlreichen Beispielen Probleme und Zusammenhänge von Sequenz/Kausalität, Zeit und plot, verdeckten Erzählerpositionen sowie Formen des Erzählerkommentars und ähnlichem das ursprüngliche Begriffsdoppel für Analyse zugänglich macht. (

Literatur: Brooks, Peter: Reading for the Plot. Design and Intention in Narrative. Oxford: Clarendon 1984. – Chatman, Seymour: Story and Discourse. Narrative Structure in Fiction and Film. Ithaka/London: Cornell University Press 1978. – Genette, Gérard: Die Erzählung. München: Fink 1994. Zuerst frz. als: Discours du récit (1972) und: Nouveau discours du récit (1983).

Referenzen:

Fabel (1)

Fabel (2)

Fabel und Sujet

histoire / discours

Sujet


Artikel zuletzt geändert am 27.01.2012


Verfasser: HJW


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