Lexikon der Filmbegriffe

Versteckte Kamera

engl.: hidden camera; als Bezeichnung für die Fernsehgattung: candid camera

In aller Regel wird die Kamera auch bei dokumentarischen Aufnahmen offen aufgebaut. Damit entsteht zwar das „Beobachterparadox“ – keine Situation bleibt unbeeinflusst vom Beobachter –, doch entfallen aufwendige Maßnahmen, die Kamera einerseits zu verstecken und andererseits doch eine gute Kompositition des Bildes zu erlangen. Immer wieder gab es dokumentarische Versuche, durch das Verstecken der Kamera an unverfälschte Dokumente des sozialen Lebens zu gelangen (bis hin zu Eibl-Eibesfeldts Kamera, die mittels eines Spiegels „um die Ecke“ filmen konnte); dazu rechnen Filme wie Nice Time (1957, Claude Goretta, Alain Tanner). Gelegentlich wurden Kameras auch im Spielfilm versteckt eingesetzt; ein Beispiel ist die Schlussszene von Francesco Rosis Politthriller Cadaveri excellenti (1975), in dem der Mord an dem von Lino Ventura gespielten Kommissar auf offener Straße mit versteckter Kamera gedreht wurde. Und auch die lüsternen und nachdenklichen Blicke, die die Gänge von Oda Kojar in Orson Welles F for Fake (1976) stimulierten, wurden mit verdeckter Kamera aufgenommen.
Im Fernsehen ist die „versteckte Kamera“ fast von Beginn an ein eigenes Genre gewesen; die bis heute produzierte namengebende Show Candid Camera startete 1948 als Fernsehshow (1947 zunächst als Candid Microphone im Radio). Für Unbeteiligte wird eine Szene arrangiert, in die sie hineingeraten – immer in der Hoffnung, dass sie sich als unfähig zeigen, mit der Situation umzugehen, dass sie überrascht oder irritiert werden oder zu unplanbaren Reaktionen greifen, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Zu den Arrangements gehört eine Fernsteuerung, ohne dass die Flugzeuge allerdings auf diese ansprächen, oder ein kleiner Hund, der heimlich gegen einen großen ausgetauscht wird; eine der berühmtesten Szenen zeigt jemanden, der mit einem Schnittmusterbogen in der Stadt nach dem Weg fragt. Derartige Szenarien stehen in der Nähe der soziologischen Störexperimente, suchen sie doch einzelne kurzzeitig mit Situationen zu konfrontieren, die aus jeder Alltagsnormalität herausfallen.

Literatur: Al-Khatib, Mahmoud A.: Provoking Arguments for Provoking Laughter: A Case Study of the Candid Camera TV Show. In: Text 17,3, 1997, S. 263-299. – Engle, Harrison: Hidden cameras and human behaviour. An interview with Allen Funt. In: Film Comment 3,4, 1965, pp. 42-43. – Funt, Allen / Zimbardo, Philip G.: Sprechende Briefkästen, Autos ohne Motor, Affen auf dem Kopf. Ein Gespräch zwischen dem Erfinder der versteckten Kamera, Allen Funt, und Philip G. Zimbardo. In: Psychologie heute 12,12, 1985, S. 60-65.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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