Lexikon der Filmbegriffe

Deutungshoheit

auch: Deutungsmacht

Gesellschaftliche Machtpositionen stellen sich auch als symbolische Macht dar – Deutungshoheit bezeichnet das Privileg von Klassen oder Gruppen von Personen, die für sich das alleinige Recht in Anspruch nehmen (oder denen es zugesprochen wird), historische Ereignisse und/oder Werke der bildenden Kunst verbindlich interpretieren zu dürfen, ihnen also einen gesellschaftlich anerkannten Wert oder eine entsprechend verbindliche Bedeutung zuzuschreiben. Es geht beim Kampf um Deutungshoheiten um die „richtige“ Deutung, nicht um das Recht auf Interpretation allgemein. Gramscis Konzept der Hegemonie entfaltet sich als Deutungshoheit einzelner, als diskursive Macht, die von denen, die sich der Hegemonie unterwerfen, reproduziert wird. Ein lange als verbindlich akzeptierter Hintergrund war der Bildungsgedanke, der einen Urteilenden nobilitieren konnte. Mit der zunehmenden Bedeutung von Sub- und Gegenkulturen und gesellschaftlicher Differenzierung zerfällt aber der ursprüngliche Machtanspruch, die Homogenität der Urteilenden und die Verbindlichkeit ihrer Normen und Kriterien sind nicht mehr gegeben.
In der Filmkultur hat sich von Beginn an bürgerliche Kultur gegen Populärkultur (Kunst gegen Unterhaltung) zur Wehr zu setzen versucht. Wenn über die historische Bedeutung von Filmen und Bildern, über die aktuelle Bedeutung von historischen Filmen, ihre wahre Bedeutung und über richtige und falsche Sehweisen gesprochen wird, spricht man im seltensten Fall von den Filmen oder Bildern selbst: Vielmehr werden im Namen des Films (resp. seiner Deutung) Sehverbote und Deutungsgebote ausgesprochen (Zensurpraxis, Tageskritik, Geschmacksurteil sind praktische Erscheinungsformen der hoheitlich-repressiven Implikationen von Deutungshoheit).
Gegenstände eines von Beginn der Filmgeschichte anschwelenden Deutungskonflikts sind die Darstellung von Gewalt- und Ekelszenarien, Sexualitätsdarstellungen und ähnliches mehr. Immer wieder sind die Filmskandale (um Filme wie Ingmar Bergmans Tystnaden, 1963, etwa oder die Gattung der Snuff-Filme) Kristallisationspunkte gewesen, an denen tiefere Machtlinien manifest wurden, denen Kämpfe um Deutungsmacht oft folgen. 

Literatur: Bocock, Robert: Hegemony. Chichester: Horwood [...] 1986. – Ives, Peter: Language and hegemony in Gramsci. London [...]: Pluto Press 2004.
 

Referenzen:

Hegemonie


Artikel zuletzt geändert am 03.08.2011


Verfasser: HJW


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