Lexikon der Filmbegriffe

Tunneleffekt

Der Psychologe Albert Michotte beschrieb seinerzeit den Tunneleffekt als ein elementares Prinzip der menschlichen Wahrnehmung - ein Objekt, das in einen Tunnel eintritt (und also unmittelbar „unsichtbar“ wird), wird weiterhin im Wahrnehmungsgedächtnis behalten; darum auch ist der Wahrnehmende nicht überrascht, wenn das Objekt den Tunnel wieder verlässt.
Für die Arbeit des Zuschauers an der diegetischen Welt ist diese Tatsache mindestens so fundamental wie für die Wahrnehmung - das Objekt verbleibt in der visuellen Welt, wenn auch nicht im visuellen Feld (James Jerome Gibson). Darum können Objekte im Off verschwinden oder im Umschnitt ins Off geraten – sie gehen der diegetischen Welt deshalb nicht verloren. In der Psychologie gilt als sicher, dass die „Pertinenzerwartung“ (= das Objekt existiert weiter, obwohl es nicht gesehen werden kann) Ergebnis fundamentaler Lernprozesse ist.
Im Film ist der Tunneleffekt mannigfach genutzt – als eines der Grundprinzipien der Montage (hier als Spiel mit der Objekt-Pertinenz) ebenso wie als dramaturgisches Spiel. Wenn etwa in den Lubitsch-Filmen relevantes Geschehen hinter Türen stattfindet und wenn diese „Ellipse der Sichtbarkeit“ dennoch in der Rezeption rekonstruiert und ergänzt werden kann, dann fußt diese Leistung auf der Annahme, dass Objekte auch außerhalb des visuellen Feldes weiterexistieren und dass sie zudem dort nach Maßgaben handeln, die fortsetzen, was man über sie gelernt hat.

Literatur: Wulff, Hans-Jürgen: Darstellen und Mitteilen. Elemente der Pragmasemiotik des Films. Tübingen: Narr 1999, S. 48-56.

Referenzen:

Kontinuität

Off / On


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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