Lexikon der Filmbegriffe

morality play

von spätlat.: moralitas = „Sittlichkeit“; amanchmal nur: moralities; dt. Moralität; franz. moralité;

Literaturgeschichtlich eigentlich ein lehrhaftes Schauspiel vornehmlich des 15. und 16. Jahrhunderts, das in der jeweiligen Volkssprache den Lebensweg bzw. eine Lebensphase eines Menschen dramatisiert und dabei vornehmlich abstrakte Moralvorstellungen (Tugenden, Laster sowie Allegorisierungen von Leben und Tod) in personalisierter Gestalt unter bewusstem Verzicht auf dramaturgisch durchgeformte psychologische Tiefe mit dem Protagonisten konfrontiert. Noch heute werden Stücke wie etwa der Hofmannsthalsche „Jedermann“ auf dem Theater vor großem Publikum gespielt. Seit dem Renaissance-Theater Shakespearescher Prägung bis hin zu Brechts Moralitäten werden mit den Mitteln der Komik doppeldeutiger, auch politisch ausdeutbarer Hintersinn und sexuelle Anzüglichkeiten in morality plays untergebracht.
Grundfrage in allen filmischen Anverwandlungen des morality play bleibt die moralisch – nicht primär religiös – motivierte Frage danach, wie Sünde (der Verstoß gegen elementare ethische Regeln vom Typ „Du sollst nicht ...“) zu vermeiden ist und wie angesichts der unbestreitbaren Existenz des Bösen in der Welt ein ethisch-lebenspraktisch richtiges und gerechtes Leben gelebt werden kann. Neben unmittelbaren Bezugnahmen auf historische Vorformen und Stoffe wie etwa in Det sjunde Inseglet (Das siebente Siegel, Schweden 1957, Ingmar Bergman) oder The Crucible (Hexenjagd, USA 1996, Nicholas Hytner, nach dem Theaterstück und Drehbuch von Arthur Miller) sind auch zahlreiche andere, darunter bedeutende Werke der Filmgeschichte, die so unterschiedlichen Genres wie Biopic, Horrorfilm, Film Noir, Kriegsfilm, Melodrama, sexuelle Beziehungsdramen oder Superhelden-Comicstoff zugerechnet werden können, explizit als morality plays bezeichnet und analysiert worden, darunter: Citizen Kane (USA 1941, Orson Welles); The Maltese Falcon (USA 1941, John Huston); High Noon (USA 1952, Fred Zinnemann); La Strada (Italien 1954, Federico Fellini); Les Yeux sans Visage (Frankreich/Italien 1959, Georges Franju); La dolce Vita (Italien/Frankreich 1960, Federico Fellini); Halloween (USA 1978, John Carpenter); Platoon (USA 1986, Oliver Stone); Fatal Attraction (USA 1987, Adrian Lyne); Fargo (USA 1996, Joel & Ethan Coen); Eyes Wide Shut (USA/GB 1999, Stanley Kubrick); Spider-Man (USA 2002, Sam Raimi).

Literatur: Beavis, Mary Ann: "Fargo": a biblical morality play. In: The Journal of Religion and Film 4, 2000 . – Burton, Howard A.: "High Noon": Everyman rides again. In: Quarterly of Film, Radio and Television 8, 1953, S. 80-86. – Gates, Philippa: "Fighting the good fight": the real and the moral in the contemporary Hollywood combat film. In: Quarterly Review of Film and Video 22, 2005, S. 297-310. – Richardson, Niall: The Gospel according to Spider-Man. In: Journal of Popular Culture 37, 2004, S. 694-703. – Telotte, J.P.: Through a pumpkin's eye: the reflexive nature of horror. In: Waller, Gregory A. (ed.): American horrors: essays on the modern American horror film. Urbana / Chicago: University of Illinois Press 1987, S. 114-128. – Thompson, Joyce: From "Diversion" to "Fatal Attraction": the transformation of a morality play into a Hollywood hit. In: Journal of Popular Culture 26, 1992, S. 5-15.

Referenzen:

Allegorie


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: LK


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